Der Tagesspiegel : Im falschen Jahr, am falschen Ort

Warum Mädchen und Jungs an Silvester so selten zusammenfinden – zwei wahre Geschichten

Constance Frey

DAS MÄDCHEN

Ich habe drei Einladungen für Silvester. Meine Schwester feiert mit ihrem Mann. Als fünftes Rad am Wagen wollte ich eigentlich nicht den Abend verbringen. Dann könnte ich mit den Jungs um die Häuser ziehen. Tobias hat eben angerufen, um 22 Uhr soll es losgehen. Ich habe herumgedruckst. Denn da ist noch die dritte Option: Mein Schwarm geht auf die ultimative Party. Und er will mich anrufen. Das hat er versprochen.

Es ist fünf Uhr nachmittags. In sieben Stunden fängt das neue Jahr an. In zwei Stunden muss ich Tobias Bescheid sagen, ob ich mitkomme. In meinem Zimmer liegt ein Klamottenberg. Soll ich wie immer Jeans anziehen? Das hautenge Kleid? Oder lieber den grünen Fetzen mit den 1000 Löchern, den ich eigentlich nie anziehe, weil ich mich nicht traue? Draußen friert es. Der Schwarm ruft nicht an, dafür meine Schwester: „Zieh doch einfach das an, in dem du dich am besten fühlst!“ Ach was. Ich lege entnervt auf. Mit der feiere ich auf keinen Fall.

Im Bad habe ich schon mal Puderdosen und Lidschatten zum Kampfschminken bereitgelegt. Grüner Lidschatten oder lieber Schwarz? Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich ein blaues Auge habe, als ich den grünen getragen habe. Also braun. Den Riesenpickel kleistere ich mit Deckstift zu. Danach sehe ich aus wie ein frisch operierter Emergency-Room-Patient.

Das Telefon klingelt. Ich haste ins Schlafzimmer, stolpere über den Klamottenberg, greife gerade noch rechtzeitig zum Hörer, bevor der Anrufbeantworter angeht. Es ist Tobias. Mittlerweile ist es schon halb neun. Ich sage zu. „Aber vielleicht muss ich nachher noch woanders hin.“ Klingt das so doof wie ich mich jetzt fühle? Eigentlich sollte ich jetzt noch etwas essen. Aber mein Magen fühlt sich an wie ein Eisklumpen. Also nichts essen. Lieber noch einen Vorrat Zigaretten kaufen. Unter einem dicken Pulli habe ich das grüne Löcherding an, für den Fall, dass der Schwarm doch noch anruft. Wo ist eigentlich mein Handy? Schweißausbruch! Ich finde es ganz unten in meiner Tasche. Natürlich keine SMS.

Tobias hat ein paar Freunde eingeladen, wir wollen am Brandenburger Tor anstoßen. Alle sind nett, zu nett zu mir. „Was hast du denen eigentlich erzählt?“, fahre ich ihn an. „Nichts! Was ist denn los?“ Ich versuche zu lächeln. Halb elf. Ich habe mein Handy zum zehnten Mal kontrolliert. Alles bestens, nur eben kein Anruf. Ist mir jetzt auch egal. Soll er doch auf seine Party gehen! Die erste Flasche Wein poppt auf, billiger Fusel, genau das Richtige. Mit einer Kippe im Mund packe ich die Plastikbecher aus, es wird brüderlich geteilt, und der Letzte trinkt aus der Flasche.

Halb zwölf. Die dritte Flasche ist angebrochen. Tobias ist etwas besorgt. Gerade bin ich kreischend auf einen Poller gesprungen und habe die Nationalhymne gesungen. Wenn ich den Wein einschenke, geht jetzt auch mal was daneben. Um uns herum drängeln sich die Menschenmassen, gerade habe ich einem Brasilianer zugeprostet, oder war es ein Argentinier? Kurz vor zwölf packe ich die den Champagner aus, den ich für ein romantisches Date mit meinem Schwarm bei Aldi besorgt habe. Wir prosten uns zu, ich rufe „Viva Italia!“ in die Menge, als zwei Italiener mich küssen. Dann wird mir schlecht. Tobias bringt mich an den Straßenrand. Dort begrüße ich das Jahr mit Brechreiz. Eine Stunde später bin ich wieder zu Hause. Tobias schließt für mich auf. „Wird es gehen?“ „Klar!“ Um vier Uhr morgens kommt eine SMS vom Schwarm. „Frohes neues Jahr!“

DER JUNGE

Dicker Nebel durchzieht die Straßen. Ich schleiche mich von Häuserblock zu Häuserblock. Mit viel Geschrei werde ich vor dem nächsten Böller gewarnt, der kurze Zeit später mit einem lauten Knall genau neben mir explodiert. Sie haben mich eingekreist. Mir bleibt nichts anderes übrig als aufzugeben.

Das, was sich wie Krieg anhört, war eigentlich nur mein Silvester vor zwei Jahren. Was kann es Schöneres geben, als mit seinen Freunden nachts durch Berlin zu rennen und viel Krach zu machen? Deswegen liebe ich Silvester. Die letzten Jahre haben wir alles schon Monate vorher geplant. Die Party wurde organisiert, Gäste eingeladen, Alkohol gekauft und, natürlich das Wichtigste, wir hatten jedes Raketenangebot von Aldi bis Kaiser’s. Doch dann ging das große Absagen los. Ein Mädchen rief an und meinte, lieber in einen Club fahren zu müssen und ein anderes wollte lieber etwas mit dem neuen Freund machen. So ging das noch den ganzen Tag, bis sich die lang geplante Party auf acht bis zehn Leute reduziert hatte. Bei dieser Schätzung sind meine Freunde und ich schon mit eingeschlossen, das heißt, es waren noch ungefähr vier Mädchen da. Eigentlich sollten es mindestens acht werden, damit wir eine Auswahl hatten. Aber das ist ja sowieso das ewige Missverständnis zwischen den Geschlechtern. Mädchen gehen in Clubs oder auf Partys, um zu tanzen. Dort wollen sie niemanden kennen lernen. Doch Jungs gehen dahin, um die Mädels aufzureißen. Das kann also gar nichts werden, was wir auf dieser Silvesterparty auch sehr schnell merken sollten.

Natürlich wollten die Mädchen keinen von uns, schließlich waren wir ja alle so gute Freunde von ihnen. Also mussten wir uns mit Alkohol begnügen. Doch da gibt es ein Problem, ich trinke nämlich nicht. Deswegen saß ich kurz darauf zwischen lallenden Lachsäcken, die selbst eine Tür lustig fanden, und gelangweilten Mädchen, die alle paar Minuten auf die Uhr sahen. Ich entschloss mich an diesem Abend für das Lachen. Um Mitternacht stießen wir noch zusammen auf das neue Jahr an, danach sahen wir die Mädchen nicht mehr wieder. Sie wollten wohl noch tanzen gehen. Aber das war uns egal. Die große Böllerschlacht stand bevor. Wir überlebten sie zum Glück ohne große Blessuren, wenn man von den Jacken, die mit Brandlöchern übersät waren, mal absieht. Doch so konnte es nicht weitergehen. Nach diesem Abend hatten wir zwar uns, aber leider immer noch kein Mädchen. Also beschlossen wir, nächstes Silvester getrennte Wege zu gehen.

Das endete so: Ich saß auf einer Couch in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit drei anderen Kerlen und einem Pärchen. Kurzerhand beschloss ich, zwei Freundinnen anzurufen, die nichts vorhatten. Doch die Party war so langweilig, dass sie es nicht mal bis Mitternacht aushielten. Sie feierten lieber in der Straßenbahn den Beginn des neuen Jahres als mit uns! Tanzen muss für Mädchen sehr wichtig sein. Ich verstand damals nicht, was daran besser sein soll als mit Freunden zu quatschen und zu knallen. Doch vielleicht war genau das ja mein Problem. Schließlich lag ein Jahr ohne Freundin hinter mir, ein weiteres stand mir bevor. Als mich dann noch mein bester Freund kurz nach zwölf völlig besoffen angerufen hat und mir erzählte, wie schlecht der Abend bei ihm in Sachen Mädchen verlaufen ist, kam mir eine Idee. Vielleicht passt diese kindliche, spielerische Art von Jungs und dieses erwachsene Getue von Mädchen an Silvester einfach nicht zusammen. Das ist es. Warum muss es auch ausgerechnet dieser Tag sein, um zu flirten? Es gibt ja schließlich noch 364 andere Tage im Jahr. Mit dieser Einstellung sollte es mir und meinen Freunden doch wohl gelingen, diesmal eine geniale Silvesterparty zu organisieren. Es war auch schon fast so wie vor zwei Jahren, in unseren Köpfen entstand die Party des Jahrhunderts. Doch irgendwas ist in diesem Jahr anders. Uns ist nicht mehr nach sinnlosem Besaufen und Rumknallen. Vielleicht liegt es daran, dass wir jetzt alle eine Freundin haben, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall gehen wir dieses Silvester alle tanzen. Max Anders

0 Kommentare

Neuester Kommentar