Der Tagesspiegel : Im Kupferrausch: Die Rückkehr der Schatzsucher

Schon zu DDR-Zeiten sollte das Erz in der Lausitz abgebaut werden. Doch damals fehlte das Geld

Sandra Dassler

Spremberg - Der Brief des Ministers kam am 14. August 1980, Siegfried Strasser erinnert sich genau. Seine Mitarbeiter waren schockiert, enttäuscht, manche haben geweint. Fast fünf Jahre lang hatte der ehemalige Bergbauingenieur mit 130 Leuten die Erschließung der Kupferlagerstätten um Spremberg vorbereitet und sogar schon mit ersten Arbeiten für den Bau der Schächte begonnen.

Die meisten von Strassers Mitarbeitern kamen aus Eisleben im Mansfelder Land, wo seit dem 12. Jahrhundert Kupfer gewonnen wurde. Sie waren in der Lausitz heimisch geworden, hatten sich Häuser gebaut – im Vertrauen auf den Plan, ab 1990 das Spremberger Erz zu fördern. Denn im Mansfelder Land gingen die Vorräte zur Neige und die rohstoffarme DDR benötigte Kupfer vor allem für die beginnende Entwicklung der Mikroelektronik. Nach ausgiebigen Erkundungsbohrungen und Forschungen hatte der Ministerrat im Jahr 1975 die Vorbereitung des gigantischen Projekts bestätigt: Investitionen von 4,6 Milliarden DDR-Mark.

Der Brief des Ministers vom 14. August 1980 enthielt dann hingegen die Mitteilung, dass das Vorhaben mit sofortiger Wirkung beendet sei. „Die Arbeitskräfte sind nach Eisleben zurückzuführen oder im Territorium unterzubringen“, hieß es lapidar. Die meisten Bergleute blieben in der Lausitz, auch Siegfried Strasser.

Ende Januar dieses Jahres holte den inzwischen 72-Jährigen die Vergangenheit ein: Er selbst hatte die Radiomeldung vom sagenhaften Kupferschatz, der „plötzlich“ unter Spremberg entdeckt worden war, gar nicht gehört. Seine ehemaligen Kollegen aber schon. Pausenlos klingelte das Telefon bei Strasser. Teils empört, teils belustigt forderten die Anrufer: „Du musst was unternehmen, Siegfried. Du warst schließlich unser Chef.“ Sogar der ehemalige stellvertretende Bergbauminister der DDR meldete sich. Und später kamen auch ein paar Journalisten. Strasser zeigte ihnen, wo die Bohrtürme standen.

An die Türme kann sich auch Klaus-Peter Schulze noch gut erinnern: „Als Zehn- oder Elfjähriger bin ich oft hingefahren“, erzählt er. „Die waren groß und imposant.“ Heute ist Schulze Bürgermeister von Spremberg und gilt als Pragmatiker. Aber wenn die Rede auf das Kupfer kommt, beginnt er zu träumen: von Tausenden Beschäftigten im Bergbau und den Zulieferbetrieben und von fantastischen Gewerbesteuern für die Stadt: „2015 oder 2020 könnte es losgehen“.

Vier internationale Minengesellschaften haben bisher ihr Interesse an der Kupferlagerstätte im brandenburgisch-sächsischen Grenzgebiet angemeldet, sagt der Leiter des Cottbuser Bergbauamts, Klaus Freytag. Die Namen will er nicht nennen. Nur einer ist bekannt: Der weltweit agierende Rohstoffkonzern „Anglo American“ hat über sein Tochterunternehmen Tarmac bereits eine Konzession für Probebohrungen beantragt. Tarmac äußert sich bislang nicht zu dem Vorhaben.

Dafür hat der Dezernatsleiter am Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe in Kleinmachnow, Jürgen Kopp, die Öffentlichkeit kürzlich mit der Nachricht überrascht, dass noch viel mehr Kupfer in der Lausitzer Erde lagern könnte als vermutet. Bislang gingen Schätzungen von 1,5 Millionen Tonnen reinen Kupfers aus, die in 98 Millionen Tonnen Erz eingeschlossen sind. Kopp begründet seine Annahme damit, dass die DDR-Geologen seinerzeit zwar 130 Probebohrungen durchführten, aber nur 24 in den Lagerstätten.

Der einstige Bergbauingenieur Strasser kann darüber nur lächeln: „Die Probebohrungen haben ja damals genau dem Zweck gedient, die Lagerstätte einzugrenzen“, sagt er. „Die rohstoffarme DDR hat ihre Bodenschätze sehr genau erkundet. In der ostdeutschen Erde gibt es keine Überraschungen mehr.“ Dass die Pläne für den Kupferbergbau in der Lausitz aufgegeben wurden, habe einen simplen Grund gehabt: „Bei der Aufstellung des Fünfjahresplans 1981–1985 merkten die führenden Genossen, dass ihnen schlicht das Geld fehlte. Und der Milliardenkredit des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß traf erst drei Jahre später ein.“

Natürlich wünscht Strasser seiner Heimatstadt nichts sehnlicher als Aufschwung und Arbeitsplätze. Aber er warnt vor falschen Hoffnungen. Die geologischen Bedingungen seien schwierig, die Förderung gefährlich und teuer, sagt er. Eine Garantie, dass die Kupferpreise immer weiter steigen, gebe es nicht: „Anders als Kohle geht Kupfer bei der Verwendung nicht völlig verloren, sondern wird teilweise recycelt“, sagt er. „Aber vielleicht gibt es ja inzwischen neue Technologien, um billiger an das 800 bis 1600 Meter tief liegende Erz zu kommen.“

Um das Kupfer zu fördern, werden nach Ansicht von Experten mindestens fünf Milliarden Euro benötigt. Beim derzeitigen Weltmarktpreis von 6000 Dollar pro Tonne bliebe ein Gewinn von mehreren Milliarden Euro. Angesichts der Gewinnbeteiligung von maximal zehn Prozent, die dem Land zusteht, wäre das „ein Sechser im Lotto“, sagt Dieter Friese, der SPD-Landrat des Spree-Neiße-Kreises.

Siegfried Strasser und seinen 130 Kollegen blieb damals nur eine Urkunde, die dem Brief des Ministers folgte. Darauf stand schlicht: „Zur freundlichen Erinnerung an die gemeinsame Arbeit im Kollektiv Aufbauleitung Kupfererzschachtanlage Spremberg. Dezember 1980.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben