Der Tagesspiegel : Im Licht liegt Zukunft

Ingolf Hertel hat am Technikpark Adlershof mitgebaut. Heute sieht er die deutsche Forschung auf gutem Weg

Paul Janositz

Wenn Ingolf Hertel aus dem Fenster blickt, sieht er auf „seine“ Stadt. Neue Gebäude mit blanken Fassaden an kleinen Straße, alle benannt nach Wissenschaftlern. Hertel ist Direktor des Max-Born-Instituts. Die Forscher dort erzeugen Laserblitze, die so kurz sind, dass das Licht in dieser Zeit gerade mal eine Haaresbreite zurücklegen kann. Zum Vergleich: für die Strecke Erde-Mond braucht ein Lichtstrahl nur eine Sekunde.

Nebenan, an der Max-Born-Straße, liegt das Leibniz-Institut für Kristallzüchtung. Auf der Wiese gegenüber künden in der Sonne blitzende Solarzellen von den aktuellen Fortschritten des Technologiestandorts Berlin-Adlershof. Einen Steinwurf entfernt zeugt der 20 Meter hohe Trudelturm von vergangenen Innovationen. In den 1930er Jahren von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt errichtet, diente der Backsteinbau dazu, das Torkeln von Flugzeugen zu simulieren und beherrschbar zu machen.

Der Physiker hat großen Anteil daran, dass das nach der Wende verwahrloste Areal neu erblüht ist. „Es ist eine Erfolgsgeschichte“, erzählt er. Im Dezember 1991, noch als Freiburger Professor, sei er über das trostlose Gelände der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR gelaufen. „Da kann man was draus machen“, dachte er. Er suchte eine neue Herausforderung, nachdem er in Freiburg gerade eine gemeistert hatte. Er habe damals den „ersten naturwissenschaftlichen Neubau seit 30 Jahren“ durchgesetzt, erzählt Hertel. Das Materialforschungszentrum war fertig geworden, er hätte sich als einer der Gründungsdirektoren bequem zurücklehnen können. „Kennen Sie den Spruch?“ fragt er. „Es gibt in Deutschland zwei Sorten von Professoren: solche die in Freiburg sind und solche, die dahin wollen.“

Hertel gehört offenbar zu einer dritten Sorte. In Freiburg hatte der gebürtige Dresdner zwar die Schule besucht und Physik studiert. 1986 übernahm er den Lehrstuhl seines Freiburger „Diplomvaters“. Doch nach der Vereinigung zog es ihn zurück nach Berlin, wo er von 1978 bis 1986 an der Freien Universität gelehrt und geforscht hatte. „Wir haben Tränen geweint, als wir vom Mauerfall erfuhren“, sagt der 67-jährige Forscher.

„Gibt es nicht einen Job in Berlin?“, fragten die Töchter. Es gab ihn, etwa bei der Neubelebung von Adlershof, wo viele Institute der DDR-Akademie „abgewickelt“ wurden. Adlershof sollte zur „Stadt für Wissenschaft und Wirtschaft“ werden, so hatte es der Berliner Senat beschlossen. Ein Technologie- und Wissenschaftspark sollte entstehen, der in Deutschland seinesgleichen suchte. „Baracken zu Neubauten“, das war die Devise, die Hertel magisch anzog.

So wurde der Experimentalphysiker im Mai 1992 einer der drei Direktoren des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI). Die nach dem Physiknobelpreisträger Max Born benannte Einrichtung war aus dem „Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie“ neu gegründet worden.Um die wissenschaftlichen Belange zu stärken, wurde 1992 die Interessengemeinschaft für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gegründet, deren Sprecher Hertel bis heute ist. 1995 übernahm der Physiker die Leitung der „Arbeitsgemeinschaft Blaue Liste“, in der 81 außeruniversitäre Einrichtungen vertreten waren. Hertel erreichte 1997 die Umbenennung in „Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz“, deren erster Präsident er wurde.

Im Oktober 1998 machte der damalige CDU-Senator Peter Radunski den Institutschef Ingolf Hertel zum Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung. Der Ausflug in die Politik war „kurz, aber intensiv“, sagt Hertel. Er forcierte den Umzug der naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Uni nach Adlershof.

Nach den Neuwahlen kehrte Hertel im Januar 2000 „ohne Bedauern“ in sein Institut zurück. „Meine Welt ist die Wissenschaft“, sagt er. Sein rund 20-köpfiges Team am Born-Institut arbeitet mit Laserimpulsen, die nur 100 Attosekunden lang leuchten. Eine Attosekunde ist der milliardste Teil einer Milliardstelsekunde. Wozu braucht man so kurze Lichtblitze? Zunächst habe sein Team keine praktische Anwendung vor Augen, sagt Hertel. Man versuche, die Bewegung von Atomen und Molekülen sichtbar zu machen.

Hertels Team interessiert sich für die Frage, warum das Erbgutmolekül DNS vergleichsweise gut mit dem UV-Licht der Sonne fertig wird. „Es treten relativ wenig Schäden auf“, erklärt Hertel. Die DNS habe offensichtlich effiziente Mechanismen, Licht aufzunehmen und in Wärme umzusetzen.

„Das Photon ist das Werkzeug des 21. Jahrhunderts, so wie es im vorigen Jahrhundert das Elektron war“, sagt Hertel. Der Optik gehöre die Zukunft. Hertel sieht Deutschland hier auf einem guten Weg. Es gebe viele Laserfirmen, die weltweit an der Spitze mitmischen könnten. Auch der Berliner Raum liege bei den optischen Technologien gut im Wettbewerb. Adlershof habe von vornherein auf Licht als Schlüsseltechnologie gesetzt und ziehe jetzt immer mehr Firmen an.

Ein hohes Niveau attestiert Hertel der deutschen Forschung insgesamt. „Es wird zu viel von Abwanderung geredet“, sagt er. Tatsächlich seien deutsche Wissenschaftler im Ausland hoch geschätzt. So lebten exzellente amerikanische Labors davon, dass sie deutsche Nachwuchsforscher hätten. „Doch die Forscher kommen zurück, wenn sie einen guten Job kriegen.“ Er verweist auf seinen Sohn, der vier Jahre lang Professor an der Vanderbilt-Universität im amerikanischen Nashville war. Jetzt habe er einen Lehrstuhl für physikalische Chemie in Würzburg bekommen.

In gut einem Jahr muss Hertel altershalber seinen Direktorensessel räumen. Das falle ihm schwer, gibt der Wissenschaftsmanager zu. „Ich finde es bedauerlich, dass man in Deutschland diesen scharfen Schnitt macht“, sagt er. In den USA gebe es keine Altersgrenze. Entscheidend sei dort nur die Produktivität.

Weiter produktiv zu sein, hat sich Hertel jedenfalls vorgenommen. Seine Doktoranden will er weiter betreuen.Er habe auch Ideen für Forschungsprojekte. So will er sich mit Wasser beschäftigen, „eine der faszinierendsten Substanzen“. Er habe angefangen, Bücher zu schreiben, sagt er dann und wirft ein Taschenbuch auf den Tisch. „Atome, Moleküle und optische Physik“ lautet der Titel. Weitere Bände werden wohl folgen, auch wissenschaftspolitische Themen kommen in Betracht. Ein Krimi? „Mal sehen“, sagt er. Vielleicht werde er auch wieder Cello spielen.

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