Der Tagesspiegel : Im Zig-Zag

Die Jacksons Galerie zeigt Designerstühle.

Jens Müller
Hart zum Po. Bei Jonas Bohlins Modell „Sto“ sitzt man auf einer Stahlfläche. Foto: Noshe
Hart zum Po. Bei Jonas Bohlins Modell „Sto“ sitzt man auf einer Stahlfläche. Foto: Noshe

„Am Ende sitzt man auf einer elastischen Luftsäule“, wird in der Ausstellung „Stühle ohne Beine“ im Bauhaus Archiv Marcel Breuer zitiert – auf der Wand, ganz groß. Ganz klein, in seiner konsequenten Kleinschreibe, notierte der in seinen Texten tendenziell misanthropische Otl Aicher 1991: „der designer von heute ist nicht an besseren sitzen interessiert, sondern am stuhl, am stuhl als einem selbstdarstellungsobjekt, am stuhl als kreativer äußerung, am stuhl als kunstwerk. es ist die kreative bankrotterklärung (...).“ Der Text trägt den Titel „charles eames“ und läuft dann doch auf Lobhudelei hinaus: „er läßt die denkweise auch eines marcel breuer mit seinen stahlrohrmöbeln hinter sich. eames ist der vater des heutigen stuhls. er hat die schönsten stühle gemacht."

Der deutsche Designer mit dem zur Zeit größten Namen, Konstantin Grcic, schimpfte jüngst in einem Interview: „Warum sieht man denn immer noch diesen blöden Eames-Stuhl in all diesen Wohnungen?“ Nur um dann einzuräumen, das sei „ein ganz großartiger Entwurf ...“

Der Stuhl hat seinen Ruf weg als die Königsdisziplin des Produktdesigns. Es gibt ihn mit oder ohne Beine. Mit oder ohne Armlehnen. Mit oder ohne Rückenlehne. Es gibt ihn als Drehstuhl, Klappstuhl, Kragstuhl, Kniestuhl, Schaukelstuhl, Stapelstuhl, Liegestuhl. Die Möglichkeiten seines Designs sind unendliche Variationen des Immergleichen. In Berlin lässt sich das gerade sehr gut nachvollziehen: in der Bauhaus Archiv-Ausstellung – und in der Dependance der Stockholmer Möbel-Galerie Jacksons, in einer Verkaufsschau „curated by Ilke Penzlien“. Man kann sich natürlich fragen, worin die kuratorische Leistung bei einem eklektisch arrangierten Sammelsurium diverser Stuhltypen aus über hundert Jahren besteht, die nur gemeinsam haben, dass es sich ausnahmslos um designhistorisch bemerkenswerte Stücke handelt. Man kann auch fragwürdig finden, dass verkaufte Exemplare umstandslos aus der laufenden Ausstellung entfernt und durch andere Modelle ersetzt werden. Außer Frage aber steht: Der Stuhl ist Selbstdarstellungsobjekt, kreative Äußerung, Kunstwerk.

Da steht ein Stuhl von Marcel Breuer, keines der berühmten Stahlrohrmöbel: Breuer hat ein flaches Aluminium-Profil der Länge nach eingesägt und dann sowohl zu vorderen Stützen als auch zu hinteren Hilfsfederstützen gebogen (15 000 Euro). Da steht ein Stuhl von Gerrit Thomas Rietveld – ein kantiges S, ein Zickzack aus vier Eichenholzplatten (Aicher: „rietveld aber wollte in wahrheit keinen stuhl, sondern eine raumplastik.“) Genau genommen stehen da zwei solcher Stühle (Paarpreis 38 000 Euro). Da steht ein Stuhl von Verner Panton – nicht der berühmte aus Kunststoff, sondern ein Vorläufer aus blau lackiertem Sperrholz: „S“ (9000 Euro). Die organische Variante von Rietvelds Zig-Zag. Da steht übrigens auch einer jener Eames-Stühle, die Grcic „in all diesen Wohnungen“ wähnt. Der Stuhl aus Fiberglas wurde über die Jahrzehnte millionenfach hergestellt, es gibt ihn bei Ebay. Bei Jacksons steht ein frühes Exemplar für 2200 Euro. Jens Müller

Jacksons, Lindenstraße 34; bis 23. Juli, Di –Sa 12 –18 Uhr

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