Der Tagesspiegel : Immer langsam voran

Erst musste die Fahrbahn erneuert werden, dann waren die Leitplanken zu niedrig. Die A 15 galt schon immer als Sorgenkind der Autobahnbauer. Und der Kraftfahrer

Sandra Dassler

Cottbus / Stolpe. Vermutlich hat sich auch der Brandenburger Verkehrsminister gewundert. Schließlich wohnt Frank Szymanski (SPD) in Cottbus und fährt von dort oft nach Potsdam. Es kann ihm nicht entgangen sein, dass auf dem ersten Abschnitt der neuen Autobahn A 15 zwischen Cottbus und Vetschau monatelang Tempo 100 galt. Begründung: schlechter Fahrbelag. Im September 2003 waren die Bauarbeiten endlich abgeschlossen – doch schon im Dezember kehrten die „Tempo 100“-Schilder zurück. Begründung: Wegen der neuen Fahrbahndecke seien nun die Leitplanken zu niedrig.

Die Schildergeschichte erschien manchem Autofahrer wie ein Schildbürgerstreich, zumal sich die Situation bis heute nicht geändert hat. Beim zuständigen Autobahnamt in Stolpe kann man den Frust verstehen, sagt die Sprecherin Cornelia Mitschka. Aber in der bundesweit gültigen Schutzplanken-Richtlinie sei vorgeschrieben, dass diese 75 Zentimeter hoch sein müssen. Zwar lasse das Gesetz leichte Abweichungen zu. Auch seien die Leitplanken auf der A 15 nur an einigen Stellen maximal drei Zentimeter zu kurz – aber man wolle kein Risiko eingehen. Denn wenn es zu einem Unfall komme, würde das Amt eine Mitschuld treffen. Aber warum wurden die Leitplanken nicht zeitgleich mit Auftragen der Fahrbahndecke erneuert? „Wir hatten gehofft, dass die Höhe nicht unterschritten wird“, sagt Cornelia Mitschka: „Wir wollten Geld sparen. Es hat nicht geklappt, aber es wird ja jetzt auch nicht teurer, als wenn wir es gleich gemacht hätten.“

Ihr Chef, Hans-Reinhard Reuter, gibt allerdings zu: „Wir hätten sofort nachmessen müssen, ob die Leitplanken nicht zu niedrig sind. Dann wäre die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht erst aufgehoben worden.“ Und die Schutzplanken hätten noch im September erneuert werden können. Nun kann das erst geschehen, wenn es das Wetter zulässt. Bis Ende April soll alles erledigt sein, hat der Oberbauleiter versprochen.

Hans-Reinhard Reuter möchte sich auf diesen Termin lieber nicht definitiv festlegen. Nicht bei der A 15. Die war schon immer sein Sorgenkind. „Eigentlich ist sie gar keine richtige Autobahn gewesen“, erzählt Reuter: „Als der Krieg begann, war erst eine Fahrbahn fertig, und es wurde nicht weitergebaut. In der DDR war nie Geld für den Ausbau da. So blieb es bei nur einer Fahrbahn – auf der in zwei Richtungen gefahren wurde.“ Reuter erinnert sich noch an die ungläubigen Augen eines Beamten aus dem Bonner Verkehrsministerium, der 1990 die A 15 inspizierte: „Er hat zum ersten Mal eine Autobahn gesehen, von der man links abbiegen konnte.“ Geändert hat sich erst mal nichts, denn der Ausbau der A 2 und des Berliner Rings hatten Priorität. Auf der engen A 15 häuften sich die Unfälle – manche nannten sie gar die „Todesautobahn“. Erst als Cottbus 1995 die Bundesgartenschau ausrichtete, wurde die zweite Fahrbahn der A 15 gebaut. Schnell musste es gehen, denn sie sollte fertig sein, wenn der damalige Bundeskanzler Kohl vor blühenden Landschaften in Cottbus eine schwarze Rose auf den Namen „Dr. Helmut Kohl“ taufen würde. So baute man auch bei Minusgraden. Und als es gerade noch rechtzeitig geschafft war, sonnte sich der eine oder andere Landespolitiker im Applaus.

Vielleicht möchte sich Reuter auch deshalb nicht dazu äußern, warum die schöne neue Autobahn schon sieben Jahre später gravierende Mängel aufwies. Die Baufirma konnte man dafür nicht mehr haftbar machen: Ihre vierjährige Gewährleistungspflicht war abgelaufen. Sandra Dassler

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