Immunbiologie : Masern funktionieren nicht so wie wir dachten

Das Virus greift das Immunsystem an, nicht die Atemwege.

Katherine Sanderson

Der Weg, den das Masernvirus durch den Körper nimmt, muss die Atemwege nicht wie bislang angenommen einbeziehen. Stattdessen repliziert sich das Virus bevorzugt in Immunzellen. Diese Entdeckung bereitet potenziell den Weg für neue und bessere Krebstherapien, die sich auf Immunzellen konzentrieren und veränderte Masernviren nutzen.

Man ging bislang davon aus, dass Masern sich verbreiten, indem sie zunächst Zellen infizieren, die die Atemwege auskleiden, bevor sie Immunzellen angreifen. Eine alternative Annahme, dass das Virus in erster Linie von lymphatischen Immunzellen getragen wird, wurde von Roberto Cattaneo und Kollegen an der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, untersucht. Die Ergebnisse wurden im Journal of Clinical Investigation veröffentlicht (1).

Cattaneos Team schuf ein Virus, das "blind" für die Masernrezeptoren der Atemwege, so genannte epitheliale Zellrezeptoren, war. Das Virus war nach wie vor in der Lage, in lymphatische Zellen einzudringen und sie wieder zu verlassen sowie an die Masernrezeptoren dieser Zellen zu binden, die so genannten SLAM-Rezeptoren (signalling lymphocytic activation molecule).

Umgehung der Lunge

Nachdem das veränderte Virus Rhesusaffen über die Nase zugeführt wurde, zeigten die Tiere Anzeichen einer Maserninfektion - Gewichtsverlust und Ausschlag. Doch nachdem das Virus seine Wirkung entwickelt hatte, war es nicht in der Lage, den Körper über die Atemwege (als Auswurf) zu verlassen. Dies zeigt, dass das Virus das Epithel auf seinem Weg aus dem Körper über die Lungen nicht passieren konnte, daher ist es unwahrscheinlich, dass es auf diesem Weg in den Körper eingedrungen sein könnte. Stattdessen hatte es von Beginn an die Immunzellen infiziert.

"Wir wussten, dass eine Replikation in den Atemwege nicht erforderlich ist und eine Virusreplikation lediglich in den Immunzellen bei Affen Masern verursacht", sagt Cattaneo.

"Das die Virusvariante, die blind für Epithelzellrezeptoren ist, nicht vom Wirt abgegeben wird, ist eine nette, überraschende Entdeckung", sagt Jürgen Schneider-Schaulies, Virologe an der Universität Würzburg.

Reprogrammierte Masernvieren werden als mögliche Träger von Krebsmedikamenten erforscht und dieses neue Verständnis der Infektionswege könnte zu dieser Forschung beitragen. "Es könnte Auswirkungen auf neue Behandlungsmethoden bei Krebs mithilfe stark abgeschwächter Masernvieren mit sich bringen", fügt Schneider-Schaulies hinzu.

(1) Leonard, V. H. J. et al. J. Clin. Invest. doi:10.1172/JCI35454 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 20.6.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.907. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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