Der Tagesspiegel : In aller Freundschaft – ein Fernsehstar macht Dorftheater Am äußersten Rand des Oderbruchs betreibt Thomas Rühmann

seine kleine Privatbühne – auch aus Berlin fährt das Publikum zu ihm

Claudia Keller

Zäckericker Loose - Die Dorfstraße endet auf dem Oderdeich. Jetzt könnte man nur noch schwimmend weiterkommen – nach Polen. Doch wo ist hier ein Theater? An der Straße nur ein paar alte Bauernhäuser. Eins von ihnen ist anders als die anderen. Nicht weil es frischer saniert wäre oder größer, aber es stehen Leute davor: Junge und ältere, viele sind Stammgäste, wohnen in den umliegenden Dörfern und gehen sonst nie ins Theater. Einige aber kommen auch aus Berlin, direkt aus dem Büro. Und dann sind da noch die Fans von Thomas Rühmann alias Chefarzt Roland Heilmann. „Ich bin hier, weil ich ihn mal hautnah erleben wollte“, sagt eine Frau.

Thomas Rühmann ist sehr oft im Fernsehen zu sehen: als Held der ARD-Arztserie „In aller Freundschaft“. Am Wochenende aber lädt er zusammen mit seinem Freund Tobias Morgenstern 80 Besucher ins Wohnzimmer eines 100 Jahre alten Fachwerkhauses und liest, singt und spielt Gitarre. In Zollbrücke, einem winzigen Ortsteil von Zäckericker Loose im Oderbruch. „Die Landschaft ist fantastisch, auf dem Deich geht mir das Herz auf“, sagt Rühmann. Auch Tobias Morgenstern, der in der DDR mit der Musikgruppe „L’art de passage“ bekannt wurde, gefiel die Gegend – so gut, dass er schon vor vielen Jahren hierher gezogen ist. Zu DDR- Zeiten lockte das Oderbruch viele Künstler an, heute viele Ausflügler.

Als sie vor sechs Jahren mit ihrem „Theater am Rand“ anfingen, kamen zehn Leute. Heute muss man sich anmelden, wenn man einen der begehrten Klappstühle in der guten Stube haben will. An diesem Abend liest Thomas Rühmann, 49, beiger Anzug, beiges T-Shirt, weiße Slipper, aus Paulo Coelhos Bestseller „Der Alchimist“: die Geschichte eines Hirtenjungen, der sich von seinen Träumen leiten lässt und sein Glück findet. Der Schauspieler verstellt die Stimme, kräuselt die Stirn, ist mal der Junge, mal eine Zigeunerin, mal ein Wüstenkämpfer. Eine Musikerin spielt Bongos, Tam-Tams, ein Marimbaphon. Zwischendurch greift Rühmann zur Gitarre und singt. Die Leute sind begeistert. „Das macht er gut, ist mit vollem Herzen dabei“, sagt die Frau, die ihn bislang nur als Fernseharzt kannte.

„Toll ist, dass wir nicht vom Theater leben müssen“, sagt Rühmann, „wir machen hier, was uns im Innern berührt.“ Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ zum Beispiel oder Annie Proulx’ Drama „Das grüne Akkordeon“. Bislang finanzieren sie alles selbst, mit seinem Serienhonorar und dem, das Tobias Morgenstern zum Beispiel mit dem Komponieren von Filmmusik verdient. Ihre Gäste bezahlen so viel, wie ihnen der Abend wert war.

Das reicht nun aber doch nicht mehr. Dieses Jahr sollen die Bauarbeiten für ein Theater mit 100 Plätzen im Garten beginnen. Eine asymmetrische offene Konstruktion soll es werden, mit viel Holz und Bodenheizung. Im Januar, bei minus 20 Grad, könnte man draußen sitzen und würde nicht frieren, schwärmt Rühmann. „Wie bei Doktor Schiwago.“ „Das Leben ist großzügig zu dem, der seinem persönlichen Weg folgt“, sagt der Hirtenjunge aus dem „Alchimisten“. Wenn er Recht hat, bräuchte sich Rühmann keine Sorgen um Sponsoren zu machen. Mit Kulturministerin Christina Weiss will er über Unterstützung reden und mit dem Land, sagt er. Und freut sich drauf.

Nächste Vorstellungen: Do, 17. 6., „Die Entdeckung der Langsamkeit“, 18. und 19. 6. „Accordeon mystery“, jeweils 20 Uhr, Anmeldung unter Tel. 033457-66521. Infos unter www.theateramrand.de

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