Der Tagesspiegel : In aller Herrgottsfrühe

In Luckau wird die Christmette am Ersten Feiertag begangen – aber dafür schon um fünf Uhr morgens

Lars Hartfelder
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Es leuchten 1000 Kerzen. Zur Messe in der Nikolaikirche kommen rund 1500 Besucher zusammen, einige auch aus Berlin. Künstliches...

Luckau - Es ist mitten in der Nacht. Eisiger Wind weht durch die alten Gassen, während Trompeten aus der Ferne erklingen. Nirgends in Brandenburg beginnt der Erste Weihnachtsfeiertag so früh wie in Luckau (Dahme-Spreewald). In dem kleinen Lausitzer Städtchen hat ein alter Brauch aus dem Mittelalter überlebt. Dort strömen hunderte Menschen schon ab 5 Uhr morgens in die gewaltige Nikolaikirche, um an der traditionellen Christmette teilzunehmen. Anschließend laden alle Cafés, Kneipen und Gaststätten zum Frühschoppen ein.

Die ganze Stadt ist dann auf den Beinen; der Morgen ist Kult. Nicht nur für die Luckauer ist die Messe ein bedeutendes kulturelles Ereignis, auch aus Berlin und anderen Teilen Brandenburgs reisen Gäste an. Künstliches Licht gibt es an diesem Tag nicht: Die ersten Besucher helfen mit, die rund 1000 Kerzen in der Nikolaikirche anzuzünden. Sie galt im Mittelalter als einer der fünf bedeutendsten Kirchenbauten in Brandenburg und ist heute die größte Hallenkirche des Landes. Dennoch wird das Gotteshaus auch in diesem Jahr am 25. Dezember wieder bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Viele der rund 1500 Besucher müssen stehen, wenn Jung und Alt, religiöse und nichtreligiöse Menschen gemeinsam das Weihnachtsfest feiern.

Der Ablauf ist immer gleich: Pünktlich um 6 Uhr eröffnet der Chor die Christmette mit dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Danach singt die Gemeinde das Stück „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“, ehe das Orchester und der Chor mit der Weihnachtskantate „Festo Nati Christi“ beginnen. Violinen, Trompeten und Pauken begleiten die Orgel. Eine live gesungene Arie ist der Höhepunkt der Mitte des 18. Jahrhunderts vom Luckauer Kantor Andreas Müller komponierten Kantate „Das Wort ward Fleisch“.

„Seit rund 250 Jahren wird die Christmette in der heutigen Form abgehalten. Die Ursprünge gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück“, erzählt der heutige Kantor Joachim Klebe, der seit 15 Jahren die Orgel spielt. Seit Anfang der 60er Jahre wird die Messe wieder in alter Form – nämlich nur im Schein von Kerzen gefeiert. „Ich bin jedes Jahr aufs Neue fasziniert, dass so viele Menschen zu dieser Zeit am frühen Morgen in die Kirche kommen.“

Nach der nur zehnminütigen Predigt, die eher wie eine Randnotiz wirkt, folgt das sogenannte Quempas-Singen, an dem sich alle Besucher beteiligen. Die Kirche ist dabei in vier Chöre unterteilt. Orgelempore, Schusterchor, Hochaltar und Soldatenchor singen von jeder Strophe abwechselnd eine Zeile, ehe gemeinsam der Kehrreim erklingt. Zu diesem Lied werden 54 Lichterscheren angezündet, die die Gäste hin und her bewegen. „Diese Lichtzeremonie ist ein alter heidnischer Brauch, mit dem das Böse vertrieben werden sollte“, beschreibt Klebe die ursprüngliche Bedeutung. Zum Abschluss der Christmette singt die Gemeinde das Lied „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“. Und dann geht es zu Frühstück und Frühschoppen in die Kneipen der Stadt.

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