Der Tagesspiegel : In Brandenburg sind Kinder besonders oft Gewaltopfer

13 Minderjährige wurden allein im vergangenen Jahr umgebracht Das sind doppelt so viele Fälle wie im Bundesdurchschnitt

Juliane Wedemeyer

Potsdam - Jeden Monat stirbt in Brandenburg statistisch gesehen ein Kind an den Folgen von Gewalt und Vernachlässigung. Wie das Landeskriminalamt jetzt auf Nachfrage mitteilte, waren im vergangenen Jahr 13 Kinder bis 14 Jahre Opfer „von vollendeten Straftaten gegen das Leben“, also Mord, Totschlag, tödlich endenden Vergewaltigungen oder Vernachlässigungen. In der Mark starben somit weit mehr als doppelt so viele Kinder an Misshandlungen wie im bundesweiten Durchschnitt. In der Bundesrepublik wurden zwei von 10 000 Kindern dieser Altersgruppe mit Gewalt getötet. In Brandenburg sind es dagegen fünf von 10 000 Kindern. 2006 kamen in Deutschland auf diese Weise insgesamt 202 Kinder ums Leben.

Vor zwei Jahren war der Unterschied noch größer. 2005 wurden in der Mark 14 Kinder bis 14 Jahre getötet, deutschlandweit waren es 178 Kinder. Laut aktueller Kriminalstatistik wurden in Brandenburg 2006 insgesamt auch 1053 Kinder bis 14 Jahren Opfer von Körperverletzungen, vor zwei Jahren waren es 1162.

Im brandenburgischen Sozialministerium bezeichnet man die Zahl der kindlichen Todesopfer als „erdrückend hoch“, erklären könne man sie aber nicht, sagte Ministeriumssprecher Jens Büttner. Das Landesjugendamt hat bereits eine Untersuchung zu diesem Thema gestartet. Deren Ergebnisse sollen 2008 vorliegen. Denn „jeder einzelne Fall von Kindesvernachlässigung, -misshandlung oder gar -tötung ist ein Fall zu viel“, sagt Büttner. Auch Experten erschreckt die hohe Zahl der getöteten Kinder. Sie erklären die im Bundesvergleich höhere Opferrate zum Teil mit der schlechteren Versorgungsstruktur im großen Flächenland Brandenburg. So fehle beispielsweise Fachpersonal, wie Erzieher und Sozialarbeiter, sagte die Potsdamer Sozialwissenschaftsprofessorin Christiane Ludwig-Körner. Die Leiterin des Potsdamer Eltern-Säuglings-Zentrums an der Fachhochschule berät auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in der Kommission „Nationales Zentrum frühe Hilfen“ zum Schutz des Kindeswohls.

Hinzu käme, dass vor allem in den ländlichen Regionen „die Fachkräfte manchmal ungenügend qualifiziert sind“, sagt Ludwig-Körner. Erzieher und Sozialarbeiter, aber auch Eltern müssten besser geschult werden und die einzelnen Institutionen enger zusammenarbeiten. Noch finde zu wenig Erfahrungsaustausch zwischen allen Beteiligten statt. Um das zu ändern, müsse das Land aber mehr Geld in die Prävention investieren.

Sie weist zudem darauf hin, dass es zwar genügend Kitas im Land gebe, deren Qualität aber unzureichend sei. In Brandenburg müsse sich ein Erzieher um sieben Krippenkinder bis drei Jahre kümmern. „International ist diese Quote eine Erzieherin auf drei Kinder“, so Ludwig-Körner. So könnten gefährdete Kinder in der Kita häufig gar nicht aufgefangen werden. Dennoch bescheinigte sie der Landesregierung, „auf dem richtigen Weg“ zu sein.

Um die märkischen Kinder besser zu schützen, habe das Sozialministerium bereits mehrere Projekte gestartet und Gesetze angeschoben, erklärte Ministeriumssprecher Büttner. So gibt es seit 2006 die ersten „Netzwerke Gesunde Kinder“ in Senftenberg, Eberswalde und Nauen. Das vierte werde derzeit in Königs Wusterhausen aufgebaut. Das Konzept dieses Projekts sieht vor, allen Familien mit Neugeborenen einen ehrenamtlichen, speziell geschulten Paten an die Seite zu stellen, der die Familien im Alltag begleitet, auf Untersuchungstermine hinweist, aber auch die seelische Gesundheit der Kinder beobachtet. Im nächsten Jahr sollen drei weitere Netzwerkstandorte hinzukommen, kündigte Büttner an. Perspektivisch seien sie flächendeckend im ganzen Land geplant.

Zudem sollen – wie berichtet – ab 2008 alle Eltern mit ihren Kindern verbindlich zu den Früherkennungsuntersuchungen eingeladen werden. Eltern, die dieser Einladung nicht nachkommen, sollen die Kinderärzte den Behörden melden. Kommen Eltern der Aufforderung zum zweiten Mal nicht nach, würden die Jugendämter informiert, sagt Büttner: „Wir hoffen auf diese Weise, einen möglichst flächendeckenden Überblick über den Gesundheitszustand der Kinder zu erhalten.“

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