Der Tagesspiegel : „In den Kongo zurück – das wäre Selbstmord“

In dem afrikanischen Land herrscht Krieg. Deutschland schickt Soldaten. Zwei kongolesischen Familien in Brandenburg droht die Abschiebung

Sandra Dassler

Brandenburg (Havel). Manchmal träumt Daniel, dass er mit seinen Kindern über einen Markt in Kinshasa schlendert. Für einen Moment weiß er dann wieder, wie es sich anfühlt: Afrika, Heimat. Aber schon zupft ihn seine sechsjährige Tochter Aristi Kikumpa am Arm und fragt: „Papa, ich bin müde. Wo ist die nächste U-Bahn-Station?“ Denn Aristi Kikumpa und ihr dreijähriger Bruder Andy Zola sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, U-Bahnfahren ist für sie der Hit.

Daniel Lumbala-Kabeja, 39, Diplomingenieur, noch geduldeter Asylbewerber aus der Demokratischen Republik Kongo wohnt mit seiner Familie in Brandenburg an der Havel, dort besuchen Aristi und Andy die Kita. Am Wochenende fahren sie oft nach Berlin. „Für die Kinder ist es einfacher“, erzählt Daniel: „Ihre deutschen Spielkameraden haben noch keine Vorurteile, die Hautfarbe spielt im Sandkasten keine Rolle.“ Er selbst bemerkt natürlich die scheelen Blicke mancher Brandenburger – aber es gibt auch andere. „Ich habe Freunde hier, die verstehen, dass wir nicht zum Spaß in Deutschland sind“, sagt Daniel. Aber in den Kongo zurückzukehren, „das wäre Selbstmord“. Das wäre es schon lange, nicht erst jetzt, da sich die Welt wieder für das Land interessiert und Deutschland Soldaten schickt.

Er hofft, dass die Demonstration gegen die Abschiebung kongolesischer Asylbewerber in Brandenburg und die mehr als tausend Unterschriften nicht umsonst sind.

Als Student hat Daniel Lumbala-Kabeja Anfang der 90er Jahre gegen den damaligen kongolesischen Diktator Mobutu demon- striert. Er war Mitglied der sozialdemokratischen Partei UDPS und wurde mehrfach verhaftet. Als die Freunde einer nach dem anderen „verschwanden“, floh er nach Angola, später in das andere Kongo, die Republik mit der Hauptstadt Brazzaville. Doch die Häscher Mobutus und seiner Nachfolger mordeten auch dort. Die UDPS organisierte für den gefährdeten Genossen schließlich ein Flugticket nach Deutschland. 1994 landete Kabeja in Berlin und stellte sofort einen Asylantrag.

Zuerst lebte er in verschiedenen Asylbewerberheimen, dann schaffte er den Umzug in eine kleine Wohnung in der Stadt Brandenburg. Inzwischen waren seine Frau nachgekommen, die älteste Tochter geboren, der Sohn unterwegs.

Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Die Familie rechnet jeden Tag mit der Abschiebung. Sie hat nur eine Duldung für ein, zwei Wochen. Sollten die Behörden die Abschiebung durchsetzen, wird Kabeja mit Frau und Kindern ins Kirchenasyl gehen. Das hat vor ihnen schon eine andere kongolesische Familie in der Stadt Brandenburg getan: Am 20. Januar dieses Jahres sollten José Ndualu mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern abgeschoben werden. Eine Kirchengemeinde nahm sie auf.

Der Fall sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen, als ein Nachrichtenmagazin schrieb, José Ndualu sei an einer Vergewaltigung beteiligt gewesen. In Wahrheit hatte der Mann im Asylverfahren erzählt, dass er mit anderen Studenten eine Demonstration gegen Mobutu organisiert hatte, bei der aufgebrachte Menschen die Erziehungsministerin angriffen. Ndualu und seine Kommilitonen hatten eine Abwehrkette gebildet, um die Frau zu schützen. Im Vernehmungsprotokoll wurde daraus auf wundersame Weise eine Vergewaltigung. Inzwischen gehen auch die Behörden von einem Übersetzungsfehler aus. Der Asylantrag wurde trotzdem noch nicht positiv beschieden. Aber nachdem Bürger gegen die drohende Abschiebung protestiert hatten, gewährte der Bürgermeister von Brandenburg eine einstweilige Duldung.

Anca Güntsch ist seit Jahren mit den Ndualus befreundet und hat die Proteste organisiert. Sie findet es skandalös, wie das Land mit politischen Flüchtlingen umgeht: „Diese Menschen sind seit Jahren hier und integriert. Sie haben eine gute Ausbildung, könnten Arbeit finden, wenn sie die Erlaubnis erhielten. Und jeder weiß, wie die Verhältnisse im Kongo sind. Man kann doch nicht einerseits Soldaten dorthin schicken und andererseits Leute abschieben.“

Vergangenen Mittwoch haben einige Bundestagsabgeordnete während der Debatte zum Einsatz deutscher Soldaten im Kongo einen generellen Abschiebestopp in das Land gefordert. Rolf Stahmann, der Anwalt von Daniel Lumbala-Kabeja, bezweifelt, dass der Antrag Erfolg haben wird: „Die Innenminister werden sich darauf berufen, dass die Unruhen zur Zeit nur den Nordosten Kongos betreffen und Kinshasa relativ sicher ist. Was die politischen Flüchtlinge betrifft, so wird argumentiert, dass sich inzwischen einige UDPS-Politiker im Kongo offiziell betätigen dürfen. Aber mit denen ist das System vorsichtig, weil sie international bekannt sind. Mit unbekannten Menschen wie Kabeja würde man ganz anders verfahren.“

Stahmann, der auch Kongolesen in Berlin vertritt, mit denen „die Behörden hier nicht anders umgehen als in Brandenburg“, ist schon seit längerem zu dem Schluss gekommen: „Die Rechtslage mag unterschiedlich sein. Humanitär gesehen ist das, was mit den Flüchtlingen aus dem Kongo geschieht, eine Katastrophe. Mit Artikel 1 des Grundgesetzes hat so etwas nichts mehr zu tun.“

Daniel Lumbala-Kabeja, der auch in Deutschland für die UDPS tätig ist, weiß jedenfalls, dass er unter den gegenwärtigen Bedingungen mit seiner Familie in kein Flugzeug nach Kinshasa steigen wird: „Die würden uns sofort festnehmen. Oder Schlimmeres. Alle UDPS-Leute, die in den vergangenen Jahren abgeschoben wurden, sind verschwunden. Manchmal erreichen uns Nachrichten ihrer Eltern, die immer noch denken, dass ihre Kinder in Deutschland im Asyl sind. In Wahrheit wurden sie nach Kinshasa zurückgeflogen, dort verliert sich ihre Spur.“

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