Der Tagesspiegel : In den Wind gewarnt

Roland Knauer

Eine Warnung vor einem neuen Tsunami ängstigt die Bewohner Südostindiens. Woher kommt diese Warnung, wo doch gar kein Frühwarnsystem in der Region existiert, und welche Gefahr droht tatsächlich?

In Panik rannten am Donnerstagmorgen Menschen von den Küsten Südindiens weg, kletterten auf Bäume oder versuchten, sich mit Autos und Bussen ins höher gelegene Landesinnere durchzuschlagen. Das Innenministerium hatte Flutwellenalarm ausgelöst, weil Experten vor einem Seebeben nahe Australien gewarnt hätten. Falscher Alarm. Institutionen wie der amerikanische Geologische Dienst USGS maßen bis Donnerstag Mittag mitteleuropäischer Zeit im Gebiet um Australien kein einziges Beben, das auch nur eine Mini-Welle hätte auslösen können. Vermutlich beruhte die Warnung daher nur auf einer Erdbeben-Prognose.

Solche Vorhersagen aber sind mit Vorsicht zu betrachten, warnt Rainer Kind vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Bisher haben die Wissenschaftler nämlich keine Methode gefunden, die Erdbeben auch nur halbwegs zuverlässig prognostiziert. Bekannt ist dagegen, dass einem großen Beben etliche kleinere in der betroffenen Region folgen. Das gewaltige Seebeben vor dem Nordwesten Sumatras zog dann auch prompt nur dreieinhalb Stunden später ein Beben der Stärke 7,1 vor den nahe gelegenen Nicobaren nach sich, das einen kleineren Tsunami hätte auslösen können. Spätere Nachbeben erreichten am 29. Dezember drei Tage nach dem Beben nur noch Stärken um 6,0. Für Flutwellen ist das zu wenig.

Das ist typisch, sagt GFZ-Forscher Rainer Kind: Je später ein Nachbeben auf das Hauptbeben folgt, um so schwächer wird es. Diese Nachbeben konzentrieren sich obendrein auf die nähere Umgebung der ersten Erschütterung. Ein Nachbeben vier Tage später bei Australien halten die Forscher daher für ausgeschlossen. Vermutlich haben die Behörden überreagiert, nachdem sie am zweiten Weihnachtsfeiertag keine Warnung gegeben hatten.

Ein solcher Alarm wäre nämlich durchaus möglich gewesen, hatten doch seismische Institute auf der ganzen Welt das gewaltige Seebeben gemessen. Ein automatisches System im Potsdamer GFZ hatte diese Information zum Beispiel bereits sieben Minuten später ins Internet gestellt. Jeder Geologe hätte daraus sehen können, dass eine Flutwelle drohen könnte. Entsprechende Warnungen erreichten die Regierungen der betroffenen Länder auch, liefen aber von dort ins Leere.

Keins dieser Länder hatte eine sogenannte Warnkette aufgebaut, bei der eine Flutwarnung an nachgeordnete Behörden und über Fernsehen, Radio, Funk und Sirenen an die Bevölkerung weitergeleitet wird. Ein solches Warnsystem haben zum Beispiel Japan und die USA. In Indien, Thailand und Indonesien dagegen trafen die Warnungen – auch von amerikanischen Wissenschaftlern – zwar ein, anschließend wurden aber die falschen Behörden informiert oder es dauerte zu lange, bis die Information weitergeleitet wurden. Die Bevölkerung jedenfalls wurde in keinem der Länder gewarnt. Bleibt zu hoffen, dass diese Staaten mit Hilfe der Vereinten Nationen ein solches Tsunami-Warnsystem aufbauen, das am Weihnachtsfeiertag viele Menschenleben hätte retten können.

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