Der Tagesspiegel : In der Lausitz wächst die Angst vor Wölfen

Die Raubtiere zeigen wenig Scheu vor Menschen Jäger wollen sie mit Gummigeschossen fern halten

Sandra Dassler

Spremberg - Die Berichte klingen dramatisch: Eine Reiterin sei von einem Wolf verfolgt worden, der sich durch Drohgebärden nicht abschütteln ließ. Eine Frau sei in ihrem Hof abends ins Auto gestiegen und habe im Scheinwerferlicht plötzlich einen Wolf vor sich gesehen. Zwei Wölfe hätten einen Hundezwinger belagert, in dem sich das Haustier winselnd verkroch. Geschehen sein soll all dies im brandenburgisch-sächsischen Grenzgebiet. Dort siedeln sich seit einigen Jahren wieder Wölfe an – zur Freude von Umweltschützern und Ökologen.

Doch die zunächst wolfsfreundliche Stimmung scheint umzuschlagen. Bernd Lange, CDU-Landrat im sächsischen Niederschlesischen Oberlausitzkreis (NOL), berichtet von zunehmenden Ängste in der Bevölkerung. Auch Brandenburgs Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) wird in seinem Spremberger Wahlkreisbüro in jüngster Zeit häufig von besorgten Bürgern angesprochen. Kürzlich war sogar von „Panik“ die Rede, weil Wölfe bei Spremberg Schafe gerissen haben sollen.

Jäger Christian Lissina, der bei Bautzen einen Forstwirtschaftsbetrieb betreibt, steht der „Wolfsansiedlungspolitik“ von Brandenburg und Sachsen sehr kritisch gegenüber. „In Finnland oder Russland kommt ein Wolf auf 1000 Quadratkilometer“, sagt er: „Hier sollen auf 600 Quadratkilometern schon 30 Wölfe leben. Das muss schiefgehen, zumal die Wölfe nicht gejagt werden dürfen und deshalb keine Scheu vor dem Menschen haben.“

Lissina, der einen Verein von Wolfsgegnern gegründet hat, will deshalb die Wölfe eventuell mit Gummigeschossen abschrecken, damit sie wieder auf Distanz zum Menschen gehen: „Wenn das erste Kind vom Wolf gefressen wurde, dann werden hier ohnehin die Hubschrauber mit Infrarotkameras fliegen und jeden Grauen abschießen“, sagt er und prophezeit: „In den nächsten 24 Monaten wird ein Wolf einen Menschen angreifen“. Dabei beruft er sich auf Wissenschaftler, die „sieben Annäherungsstufen bis dahin“ konstatieren. Stufe 5 sei mit der „Verfolgung der Reiterin“ bereits erreicht.

Ilka Reinhardt und Gesa Kluth können über solche Thesen nur die Köpfe schütteln. Die beiden Biologinnen beobachten die Lausitzer Wölfe von Anfang an. „Wir gehen allen Vorfällen nach“, sagt Ilka Reinhardt: „Wir haben seit Jahren ein Monitoring und die etwa 20 Wölfe haben sich normal verhalten. Sie sind Menschen gewohnt, deshalb rennen sie nicht in Panik davon, wenn sie einen sehen.“ Aber bislang sei kein Tier aggressiv geworden.

Das unterstreicht auch der Leiter des brandenburgischen Landesumweltamts, Matthias Freude: „Die Angst vor den Wölfen ist unbegründet und wird gezielt geschürt“, sagt er. Dennoch nimmt man im Umweltministerium die Berichte sehr ernst. „Wir sind bislang von einzelnen Grenzgängern aus Sachsen ausgegangen“, sagt Sprecher Jens-Uwe Schade: „Offenbar sind es jetzt mehr Tiere geworden. Wir brauchen ein Wolfsmanagement, um ihr Zusammenleben mit Menschen möglichst konfliktfrei zu gestalten.“

NOL-Landrat Lange will jetzt erst einmal alle Wölfe mit einem Sender ausstatten. „Dann können wir sofort reagieren, wenn es den ersten Problemwolf gibt.“

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