Der Tagesspiegel : In Guben sollen öffentlich Leichen präpariert werden

In der geplanten Werkstatt Gunther von Hagens’ können Besucher künftig beim Plastinieren zusehen

Sandra Dassler

Guben - Auf den vermoosten Dächern vom Werk 4 der ehemaligen Textilfabrik „Gubener Wolle“ wachsen Birken. Viele Fenster sind eingeschlagen, aber mitten in der Ruinenlandschaft steht ein Mann und redet von Aufbruch und Aufschwung. Der Mann trägt dunkle Hosen, eine schwarze Weste und seinen unvermeidlichen schwarzen Hut. Gunther von Hagens, der Erfinder der Körperwelten-Ausstellung, erklärt, wie er den Menschen hier die Hoffnung wieder geben will. Wie berichtet, hat der umstrittene Heidelberger Anatom in Guben die Produktionshallen der alten Textilfabrik sowie das bis vor kurzem noch genutzte Rathaus erworben. Eine Werkstatt zur Herstellung von so genannten Scheibenplastinaten aus menschlichen und tierischen Leichen soll hier entstehen. Das Projekt stieß in der Neißestadt auf heftigen Widerstand sowohl bei den Kirchen als auch in der PDS. Doch bei einer Volksabstimmung entschied sich die Mehrheit der Bürger für das Projekt, die Stadtverordneten stimmten daraufhin dem Verkauf der Immobilie zu. Gestern nun präsentierte Gunther von Hagens seine Pläne für die nächsten Monate. Und stellte die ersten 22 Angestellten vor. Immerhin war es letztlich das Arbeitsplatz-Argument, das die Einwohner Gubens, von denen jeder Fünfte ohne Job ist, überzeugte.

Anna Groll ist eine der neuen Mitarbeiterinnen des Leichenpräparators. Die gebürtige Polin, die seit zwölf Jahren in Guben lebt, hat ihren Job als Verkäuferin im Baumarkt aufgegeben, um für von Hagens als „Generalmanagerin“ zu arbeiten. „Das bedeutet vor allem, dass ich für die polnischen Arbeiter zuständig sein werde“, sagt die 32-Jährige. Kritiker des Plastinators hatten bereits im Vorfeld befürchtet, dass sich dieser billige Arbeitskräfte von jenseits der Neiße holen würde. Anna Groll betont aber, von Hagens habe immer gesagt, dass nur die Hälfte der am Ende 300 Beschäftigten aus Polen kommen werde.

Auch Wanda Wronska wurde vor 47 Jahren in Polen geboren, wohnt aber seit 20 Jahren in Guben und hat bis April dieses Jahres als Krankenschwester in einem Pflegeheim gearbeitet. „Dort habe ich dem Tod schon oft gegenüber gestanden“, sagt sie. „Ich habe keine Hemmungen, aus toten Menschen, die damit einverstanden sind, Präparate herzustellen, die der Wissenschaft und Forschung dienen.“ Die neuen Arbeitskräfte sollen in von Hagens Fabrik bei Peking für ein, zwei Monate geschult werden. Joachim Bauer freut sich auf China. „Ich war da ja noch nie“, sagt der 54-Jährige, der seit vier Jahren arbeitslos ist. „Ich bin gelernter Fleischer, da dachte ich, die nehmen mich vielleicht.“

Gunther von Hagens berichtet derweil, dass er spätestens im nächsten Frühjahr eine öffentlich zugängliche Plastinationswerkstatt eröffnen will. Eine halbe Million von den geplanten 3,5 Millionen Euro koste das. Aber zunächst muss er die alte Wollfabrik bis zum Winter warm und dicht bekommen. Schon sind mehrere Lkw mit technischen Geräten aus Heidelberg eingetroffen, die ersten Lagerhallen sind gesäubert und Büroräume eingerichtet worden. Wenn die Werkstatt einmal fertig ausgebaut ist, soll in Guben auch ein so genanntes „Körperspendezentrum“ entstehen – eine Leichenannahmestelle, die die bisherige in Heidelberg entlasten soll.

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