Der Tagesspiegel : In Zeiten des Zwiebelfischs

Jürgen Theobaldy bereist angenehm sentimental das Charlottenburg der Wendejahre.

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Foto: Verlag

Es sind seit der Wende noch keine 30 Jahre vergangen, und doch scheint es, als besichtigten wir, wenn uns die Bilder wieder vor Augen stehen, eine längst versunkene Epoche. Jürgen Theobaldy, der in den 1970er Jahren als prominenter Aktivist der „Neuen Subjektivität“ wunderbar eigensinnige Alltagsgedichte schrieb, hat die Protagonisten seines neuen Romans „Aus nächster Nähe“ in das Berlin der Wendejahre versetzt.

In der Silvesternacht des Jahres 1989, wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, irren seine Helden Richard und Gunter durch Charlottenburg und Kreuzberg, besiedeln in ritueller Selbstvergewisserung ihre Szenekneipen, die „Dicke Wirtin“, das „Café Bleibtreu“ oder den „Zwiebelfisch“, immer auf der Suche nach ihren verlorenen Träumen.

Sie repräsentieren eine Generation, die einst von der symbiotischen Verschmelzung des Politischen mit dem Poetischen träumte und mit „begrenzten Regelverletzungen“ die als rückständig verachtete bürgerliche Gesellschaft in ein libertäres Paradies der Herrschaftsfreiheit transformieren wollte.

Unter „dem entgrenzten Himmel Brandenburgs“ ist in diesen Stunden eines großen Geschichtsgefühls nicht mehr viel davon übrig geblieben. Richard und Gunter bilden in ihren Biotopen rund um den Savignyplatz eine nur noch leidlich funktionierende Wohngemeinschaft. Richard hat sich als korrekturlesende Hilfskraft in einem Sachbuchverlag einen „pulverisierten Sinn“ bewahrt, während Gunter nur noch widerwillig im „Taxi-Kollektiv“ mitwirkt und ansonsten den Neuanfang als alternativer Gastronom probt.

Ihr kulturrevolutionärer Eifer ist abgeflaut, jetzt geht es um die Konturierung einer neuen Identität. Dabei hat Richard, den seine engen Freunde „Riko“ nennen, einen seltsam retrospektiven Weg eingeschlagen – den romantischen „Weg nach innen“, hin zur Verklärung einer längst verflossenen Liebe, die ihn einst mit der linksradikalen Studentin Mona verband.

Die Utopie der Liebe, so scheint es, ist zur einzigen Passion seines Lebens geworden. Dieser Liebeswunsch kristallisiert sich freilich in einer Sehnsucht, die durchaus polygam strukturiert ist. Und so verstrickt sich im kalten Januar Richard immer tiefer in seine Erinnerungen an die unerreichbar gewordene Mona – und landet am Ende in den Armen von Johanna, die kurz zuvor ihre Liaison mit seinem WG-Freund Gunter beendet hat.

„Suchen ist schwer“: So lautete vielsagend der Titel des letzten, 2012 im kleinen Ostheimer Peter Engstler Verlag publizierten Gedichtbands von Jürgen Theobaldy. Tatsächlich besteht auch sein neuer Roman aus einer komplizierten Suchbewegung seines Helden Richard, der aus seinen Erinnerungen an eine überwältigende Liebe eine haltbare Perspektive für das Leben im politischen Umbruch des Jahres 1990 zu gewinnen versucht.

Theobaldy, 1944 in Straßburg geboren und in Mannheim aufgewachsen, ist dabei das nicht geringe Risiko eingegangen, eine fast 30 Jahre alte Romanidee wieder aufzugreifen, die ihn nach seiner Übersiedlung von Berlin nach Bern 1984 einige Jahre lang umgetrieben hatte. Die unglückliche Geschichte der Liebenden Richard und Mona hat er nun vollendet, indem er die Protagonisten zehn Jahre nach ihrem Zerwürfnis und nach dem Zusammenbruch der politischen Utopien noch einmal in einer Zufallsbegegnung zusammenführt.

An vielen Stellen des Romans gelingen Theobaldy dabei meisterliche Genreszenen einer zerbröselnden Westberliner Subkultur, pointillistische Feinmalereien einer Lebenswelt zwischen Rebellion und Frustration. Einiges in dieser Nahaufnahme einer Berliner Subkultur hat aber auch Staub angesetzt. „Aus nächster Nähe“ erweist sich als Abschluss einer Roman-Expedition, die Jürgen Theobaldy bereits 1978 begonnen hatte. Denn der liebeshungrige Riko entpuppt sich als der älter gewordene Held seines Romanerstling „Sonntags Kino“ (1978), in dem das rebellische Vagabundieren von Mannheimer Jugendlichen in den 1950er Jahren beschrieben wurde.

Am Ende des neuen Romans fasst Richard wieder den Mut, ins Offene zu gehen, mit Hilfe der Poesie. Als Leser sehen wir ihm staunend dabei zu. Aus weiter Ferne, und doch, wie es so schön heißt, ganz nah. Michael Braun

Jürgen Theobaldy: Aus nächster Nähe. Roman. Verlag

Das Wunderhorn,

Heidelberg 2013.

184 Seiten, 19,80 €.

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