Indien : Buttertee für gute Geister

Ladakh war einst ein eigenständiges Königreich. Hohe Pässe prägen das Land im nördlichen Zipfel Indiens – und viel Kultur.

Monika Hippe

Man nehme 108 Kilogramm Buddhismus, einen Esslöffel voll Islam, eine Prise Hinduismus, fünf Christen und drei Sikhs. Füge möglichst viele Klöster, einige Moscheen, ein Kilo flatternde Gebetsfahnen und eine Gebirgswüste hinzu. Dann mische man alles mit einem Liter Buttertee, lasse es im Ofen zwischen Karakorum-Gebirge und Himalaya bei 30 Grad sandsteinfarben backen. Mit Staub bepudern, fertig ist Ladakh, das ehemalige Königreich (bis 1842) im nördlichen Zipfel von Indien!

Na, so einfach ist es auch nicht! Das hört sich ja nach Fertig-Backmischung an. Es fehlen so viele Zutaten. Zum Beispiel die Götter. Denn was ist ein Buddhist ohne Buddha, was ist ein Hindu ohne Shiva oder ein Moslem ohne Allah? „Die Götter werden siegen“, steht auch auf dem Schild am Gipfel des 5600 Meter hohen Khardong La Passes. Er ist – laut Kleingedrucktem – der höchste befahrbare Pass der Welt. Dort oben pfeifen Murmeltiere und flitzen durchs sandfarbene Geröll davon. Eines macht vorher noch mal Männchen und schaut dabei der Autokolonne hinterher, die die Passstraße ins Nubratal hinabrollt. Schwere, bunt bemalte Lkw, die Lebensmittel für Streitkräfte an der Grenze zu China und Pakistan geladen haben, kriechen Stoßstange an Stoßstange. Jedes Führerhaus gleicht einem kleinen Altar. Vom Rückspiegel baumeln Amulette und Heiligenbildchen in Plexiglasrahmen. Also, die Götter müssen mit ins Gemisch!

„Nun“, rufen die Geister, „wenn die Götter drin sind, wollen auch wir in den Kuchen!“ Die guten? Ja gern. Die bösen? Naja, irgendwie gehören sie auch dazu. Warum sollte der Astrologe Sonan Tsering sein Haus sonst mit den Hörnern eines Steinbocks schmücken und die Außenwände zur Abwehr des bösen „Tsan“ mit einem roten Punkt bemalen. Aber dann müssen sie ihre Wohnungen, die roten Steinhaufen, auch gleich mitbringen! Wieder andere Steingebilde sind die Chörten – haushohe Heiligtümer, die nur im Uhrzeigersinn umrundet werden dürfen. Wie weiße Schachfiguren sprenkeln sie die Landschaft. Was auf keinen Fall vergessen werden darf, ist ein Foto vom Dalai Lama! Entweder ein möglichst vergilbtes aus der 1000 Jahre alten Tempelanlage von Alchi, die zum Weltkulturerbe gehört oder das Schwarzweißfoto aus dem Kloster in Hundar, das ihn 1998 am Münchner Hauptbahnhof zeigt.

Was fehlt noch? Der Indus. Sein smaragdgrünes Wasser fließt durchs trockene Tal bis nach Pakistan. Zur Schneeschmelze im Frühjahr schwillt er gehörig an, so dass die Bauern ihre Kartoffel-, Bohnen- und Senfsaat endlich bewässern können. An seinen Ufern wachsen Pappeln und Weiden, deren Blätter besonders in der Abendsonne silbrig glänzen. Auf der anderen Seite des Flusses, an der Straße nach Manali, drängen sich Pashmina-Ziegen im Gehege der staatlichen Zuchtfirma und meckern aus voller Kehle. Aus ihrem Bauchfell wird die weltweit begehrte Kaschmirwolle gewonnen.

Wer das Stadtleben mag, für den ist die Hauptstadt Leh, 3558 Meter über dem Meeresspiegel, die Schokolade im Kuchen. Sie ist bunt wie Kathmandu in Nepal, doch viel kleiner und ohne aufdringliche Händler, die an den Fersen der Touristen, kleben, um ihnen Mandalas und Buddhafiguren anzudrehen. Den 20 000 Einwohnern ist die Kuh nicht heilig, wie im restlichen Indien – dennoch hat sie Vorfahrt im Straßenverkehr.

Aus dem Tempel Soma brummt es. Die Mönche beten. Das Klingeln der Glöckchen an den Gebetsmühlen mischt sich darunter. Dazwischen schallt der Ruf des Muezzin von der benachbarten Moschee herüber. Ein paar Schritte weiter am Basar bieten Muslime frische Hammelköpfe fürs Mittagessen, auf deren Augen schon die Fliegen krabbeln. Und bei aller Hitze zeigt die schneebedeckte Stok-Bergkette auf der anderen Seite des Indus, wo sich Trekker und Bergsteiger treffen, dem Dorf stets ihr erfrischend kühles Gesicht. Einer Redewendung nach ist Ladakh das Land, in dem ein Mann mit dem Kopf in der Sonne und den Füßen im Schatten sitzen kann und somit einen Sonnenbrand und gleichzeitig Frostbeulen bekommt.

Ganz weit oben auf der Zutatenliste steht das Gelbmützen-Kloster in Thikse. Zwanzig Kilometer südöstlich von Leh thront es auf einem Hügel. Während der Morgenmeditation kitzelt Weihrauch in der Nase. Die Vorschul-Mönche kichern und schneiden Grimassen. Mitten im Gebet testet der kleine Dung Dung die Funktion einer Schere und trennt ein Stück von seinem roten Gewand ab. Aha, so funktioniert das! In der Pause hüpfen die Jungs durch den Tempel und tun, was der Disziplinarmeister verlangt: Schenken Buttertee aus geblümten Thermoskannen ein und reichen Tsampa – geröstete Gerste – aus Plastikeimern dazu.

Im Nubratal säumen junge Soldaten den Weg. Sie gehören in größerer Stückzahl zum Backrezept. Ungefähr 30 000 sind in Ladakh stationiert. Eigentlich zu viele, denn seitdem wieder einmal Ruhe im Konflikt um Kaschmir eingekehrt ist, haben sie wenig zu tun. Wenn sie nicht eben die Freizeit auf dem vermutlich höchstgelegenen Golfplatz der Welt verbringen, bringen sie mit ihren Armeefahrzeugen die Kinder in die Schule nach Leh und holen sie am Nachmittag wieder ab.

In den Oasen des Nubratals blühen im Frühjahr die Aprikosenbäume. Doch an diesem Tag wirbelt der Sand der Dünen durchs Tal, wie ein Handmixer das Mehl durch die Schüssel. Einheimische Frauen würden jetzt einfach ihre Tücher noch fester über Nase und Mund ziehen. Die Reisenden flüchten zurück in den Jeep.

Was im Backrezept für Ladakh nicht fehlen darf: Freundlichkeit und Gastfreundschaft in Hochdosierung. „Julee“ heißt das leicht zu sprechende Zauberwort das jeder Ladakhi schon vor der ersten Gebetsformel lernt. Die Mundwinkel wandern bis zu den Ohrläppchen, die Zähne blitzen weiß, die Augen strahlen. Es ist das Wort für alle Fälle, und heißt „Hallo“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“.

„Juleeeeee!“, rufen auch Diskit und Riksey Chondol und begrüßen die Besucher im Wohnzimmer ihres neuen Gästehauses in Leh. Unaufhaltsam schenken sie gezuckerten Milchtee nach, bieten Chang, das einheimische Bier an. Jede Menge Momos werden verdrückt – mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, deren Zubereitung die Gastgeberin allen gern zeigt. Riksey, seine Frau und die vielen fröhlichen Landsleute sind die Rosinen im Kuchen, die dafür sorgen, dass die Reise nach Ladakh wirklich schmeckt.

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