Der Tagesspiegel : Individualität in Serie

Die Niederländerin Hella Jongerius wagt sich nach Keramik nun an Sofas

Rolf Brockschmidt

Wer dieses Sofa aufstellen möchte, braucht Platz. Viel Platz, denn es ist mindestens 293 Zentimeter lang, sieht aber in der XXL-Version von 333 Zentimetern noch besser aus. Ein ungewöhnliches Möbel, nicht wegen seiner betonten Horizontalen, sondern wegen seiner gewollten Asymmetrie und der Wahl des Bezuges. Normalerweise besteht ein Sofa aus einem Rahmen, auf dem die Polster aufliegen. Die niederländische Designerin Hella Jongerius, die bisher vor allem durch ihre Textil- und Keramikarbeiten aufgefallen ist, hat für ihr erstes Möbel „Polder“ einen Rahmen entworfen, der mit Polyurethan-Schaum gepolstert und mit Stoff bekleidet ist. An einem Ende geht dieser Rahmen in eine Seitenlehne über, am anderen Ende lässt er Raum für ein Extra-Polster, ein Tablett oder was auch immer.

Der Clou sind die Polster. Sie sind in unterschiedlicher Größe in den Rahmen eingelassen, zwei zum Sitzen, zwei als Rückenlehne, immer gegeneinander versetzt. Symmetrie wird bewusst vermieden. Alle fünf Teile, Korpus und die vier Polster, sind in unterschiedlichen Rottönen und Stoffarten aufeinander abgestimmt. Ein Auswechseln ist nicht möglich. Patchwork auf dem Sofa. Wenn man über einen niederländischen Polder fliegt, sieht man die langen, rechteckigen verschiedenfarbigen Felder, keines hat die Farbe des anderen. In der Grundrichtung ist Hella Jongerius tolerant: Sie bietet bei vitra ihr Mega-Sofa immerhin in fünf Farbrichtungen an: Rot, Grün, Crème, Dunkelbraun und Anthrazit.

Markenzeichen von „Polder“ sind die Zierknöpfe, die jedes Polster aufweist. Ein traditionelles Dekor, aber hier legt Hella Jongerius Wert auf das Detail. Ihre Materialwahl mutet archaisch an, Büffelhorn, Perlmutt, Oliven- und Bambusholz. Die Knöpfe weisen eine Vielzahl von Löchern auf, scheinbar willkürlich gebohrt, und nur vier Löcher werden für den weiten Kreuzstich genutzt. Als Garn nimmt sie Fallschirmseide, ein Hightech-Material, das in starkem Kontrast zum Material der Knöpfe steht und auf der Rückseite der Sofa-Polster deutlich sichtbar ist, die Fäden sind nicht weiter vernäht, sondern hängen lose am Gegenknopf herab.

So tief wie der Polder unter Amsterdam-Normal-Null liegt, so tief sitzt man auf diesem außergewöhnlichen Sofa, das durch seinen ungewöhnlichen Materialmix, seine asymmetrische Form und seine schiere Ausdehnung besticht.

Mit „Bovist“ hat Hella Jongerius ein weiteres Sitzmöbel für Vitra entworfen. Neben der Form, die an den Riesenbovistpilz erinnert, fasziniert hier wieder das Material. Dieses Bodensitzkissen ist mit einem Stoffgemisch aus Viskose und Leinen überzogen, der Bezug ist aus verschiedenfarbigen Stoffen zusammengenäht und bestickt. Aber nicht mit irgendeinem Muster, sondern mit einem Motiv, das sich an Vermeers „Spitzenklöpplerin“ in Umrissen orientiert, eine weitere Variante zieren die Konturen traditioneller Keramikkrüge, zwischen denen Herzchen aufsteigen. Die Stickereien werden mit einer computergesteuerten Maschine gefertigt, erst dann wird der Bezug zusammengenäht und mit Polypropylenkugeln gefüllt.

Die aufgestickten Krüge führen zu ihren Anfängen als Designerin zurück, denn mit die ersten Produkte, die sie entwarf, waren drei Vasen aus weichem Kunststoff sowie das softe Waschbecken aus Kunststoff. Mit diesen Werken fand sie schnell Anschluss an Droog Design. Perfektion in der Gestaltung liegt Hella Jongerius fern. Sie liebt das Handwerk, das Unikat und das Persönliche. So kostete es eine Menge Überzeugungskraft und Überredungskunst, bis die Mitarbeiter der 400 Jahre alten Steingut-Manufaktur Koninklijke Tichelaar in Makkum bereit waren, ihre Keramik extra so zu brennen, damit etwas dabei herauskommt, das wie zweite Wahl aussieht. Damit erhält nach Jongerius Ansicht das Objekt eine persönliche Note. Das gelingt ihr sogar bei einer Vase für Ikea, die in vier Varianten von Hand nach ihren Vorgaben in China gefertigt wird. Ein Massenprodukt mit menschlicher Handschrift.

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