Integration : Museen öffnen sich für Migranten

Bundesweit steigt die Zahl der Museumsangebote für Bürger mit Migrationshintergrund. Einige der bestehenden Projekte leiden allerdings unter Geldmangel. Experten sehen einen weitaus größeren Bedarf an Projekten.

Nadine Emmerich[ddp]

BerlinFrüher kam kaum ein ausländischer Besucher ins Bielefelder Naturkundemuseum. Das fiel vor allem dem aus der Türkei stammenden Verwaltungsangestellten Seref Cetin auf. "Das kann doch nicht sein", fand Cetin und machte sich für einen türkisch-deutschen Familientag stark. So entstand 2006 das Projekt "Brücken bauen": Einmal im Monat trafen sich bis zu 70 Deutsche und Türken unter einem Motto rund um das Thema Natur und Mensch, betreut von einem Museumspädagogen und dem Türkisch sprechenden Cetin.

Bundesweit steigt die Zahl der Angebote der Museen für Bürger mit Migrationshintergrund: Nach Angaben des Instituts für Museumsforschung in Berlin gaben 1992 nur 331 von 4475 befragten Museen an, Migranten als eigene Zielgruppe zu betrachten. 2006 nannten bereits 1180 von 6175 Museen entsprechende Angebote.

Die Tendenz dürfte weiter steigend sein: Im Nationalen Integrationsplan, den Bund, Länder, Kommunen, Wirtschafts- und Migrantenverbände Ende 2007 beschlossen, ist festgeschrieben, dass Integration ein Grundsatz bei der Kulturförderung werden soll.

DHM als Vorreiter

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), sagt: "In Deutschland leben 15 Millionen Menschen aus Zuwanderfamilien, das sind annähernd 20 Prozent der Bevölkerung. Ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und der kulturelle wie wirtschaftliche Beitrag, den sie für unser Land geleistet haben und leisten, müssen sich stärker als bisher in Deutschlands Museen widerspiegeln." Das Deutsche Historische Museum (DHM) Berlin sei mit den Ausstellungen "Zuwanderungsland Deutschland" und "Die Hugenotten" Vorreiter gewesen.

Die stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes, Vera Neukirchen, sagt: "Museen haben auch den gesellschaftlichen Auftrag, sozio-kulturelle Vermittler zu sein." Entsprechende Angebote bekämen künftig einen "sehr hohen Stellenwert". Im Mai 2009 werde das Thema auch auf der Agenda der Jahrestagung des Museumsbundes stehen. Auch die Politik müsse dabei "Verantwortung zeigen und finanzielle Grundlagen für die vermittelnde Rolle der Museen schaffen".

"Angebote reichen noch nicht aus"

Der Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und Präsident des International Council of Museums (ICOM), York Langenstein, räumt ein: "Die Museen sind sich bewusst, dass die Angebote noch nicht ausreichen." Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung nicht entsprechend in Museen vertreten. Gezielte Angebote gebe es vor allem in Häusern in Stadtteilen mit vielen Migranten - wie dem Museum Neukölln in Berlin.

Bei den interkulturellen Programmen gehe es vor allem darum, nicht den Blick der Gesellschaft auf Ausländer darzustellen. Vielmehr müssten sich diese mit ihrer eigenen Kultur und zugleich als Teil der deutschen Kultur in den Museen wiederfinden. Auf Seiten der Museen sei "viel guter Wille da", Netzwerke aufzubauen und entsprechende Programme in Gang zu setzen. Die Museen seien jedoch finanziell oft nicht in der Lage, aktive Ausländerarbeit zu leisten, sagt Langenstein und forderte kulturpolitische Unterstützung.

Vorzeigeprojekt liegt auf Eis

Laut dem Institut für Museumsforschung handelt es sich bei den vorhandenen Angeboten bisher meist um zeitlich begrenzte Aktionen, kontinuierliche Programme sind die Ausnahme. Auch das Bielefelder Projekt "Brücken bauen" liegt seit 2008 aus Geldgründen auf Eis. Das Museum bemüht sich laut Cetin um Fördermittel. Die Nachfrage, wann "Brücken bauen" fortgesetzt werde, sei sehr groß, sagt Cetin.

Mit einem zunehmenden Angebot der Museen für ausländische Bürger steigen auch die Anforderungen an die Vermittlung. "Man bräuchte mehr Museumspädagogen", sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes Museumspädagogik, Hannelore Kunz-Ott. "Es reicht nicht, nur Schilder in Russisch oder Türkisch zu haben."

Ideal sei es, wenn die Museumspädagogen selbst einen Migrationshintergrund hätten - was jedoch bisher selten der Fall sei. Der Verband ist laut Kunz-Ott bemüht, "überhaupt Pädagogen in die Museen zu bekommen". Von den rund 6000 Museen in Deutschland leisteten sich maximal zehn Prozent eine solche Stelle.