Integrationsgipfel : "Protest der Verbände ernst nehmen"

Der Migrationsforscher Dieter Oberndörfer hat Verständnis für die Verärgerung der türkischen Verbände gezeigt, die wegen der verschärften Nachzugsregeln für Ehepartner den Integrationsgipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel boykottieren.

Norbert Klaschka[dpa]

Berlin"Der Protest der Zuwandererorganisationen ist sehr ernst zu nehmen", so Migrationsforscher Dieter Oberndörfer zum Protest türkischer Verbände gegen den Integrationsgipfel. Wegen des Nachzugsalters von 16 auf 18 Jahre und der geforderte Nachweis von Deutschkenntnissen vor der Einreise seien eine diskriminierende und rechtlich unzulässige Ungleichbehandlung türkischer Zuwanderer gegenüber EU-Ausländern. "Von Angehörigen der neuen EU-Staaten würden solche Forderungen niemals erhoben", sagte das Vorstandsmitglied im Rat für Migration. Dass es bei dem Erwerb von Deutschkenntnissen "nur" um die Kenntnis von 300 bis 600 Wörtern gehen soll, sei eine Verharmlosung. Tatsächlich werde damit der Nachzug Vieler schon wegen fehlender Angebote des Deutschunterrichts in ihren Heimatorten verhindert.

Zudem würden Kenntnisse der deutschen Grammatik gar nicht erwähnt. "All dies verrät eine bemerkenswert geringe Sensibilität gegenüber der bei weitem größten Zuwanderergruppe Deutschlands." Oberndörfer äußerte sich skeptisch zu den Erfolgsaussichten des Integrationsgipfels. Das Treffen und die vorausgegangenen Aktivitäten stünden für den wünschenswerten Dialog des Staates mit den Zuwanderern Deutschlands. Zu begrüßen sei die zugesagte Förderung ihrer Ausbildung und beruflichen Chancen. "Der Erfolg der nach jahrelangen Versäumnissen lautstark und im Hauruckverfahren geplanten Integration wird aber in hohem Grade von der Bildungspolitik, der Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes abhängen."

Eine wesentliche Rahmenbedingungen sei vor allem auch die Anerkennung der großen Leistungen der Zuwanderer für die Gesellschaft. "Hieran fehlt es wegen der von der Politik jahrzehntelang geschürten Ängste in der Mehrheitsbevölkerung vor Überfremdung und Konkurrenz durch Zuwanderer", bemängelte Oberndörfer.