Interview : „Es gab kein Entkommen“

Skandale, Niederlagen, Fehler: Warum die No Angels fast den Glauben an sich verloren hätten

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Halten die Stellung: Lucy, Jessica, Sandy, Nadja (v. l. n. r.).Foto: Universal Music

Gerade läuft die neue Popstars-Staffel. Denkt ihr noch manchmal daran zurück?

NADJA: Klar. Es gab viele witzige Situationen, auch ohne Kamera. Wir waren jung, hatten wenig Erfahrung. Niemand konnte uns sagen, was mit uns passiert. Wir waren Versuchskaninchen. Aus heutiger Sicht bemerkt man natürlich die Fehler, die einem unterlaufen sind.

JESSICA: Manche Auftritte und Outfits sind einem heute peinlich. Trotzdem haben wir die Zeit sehr genossen.

Welche Fehler meint ihr?

LUCY: Naja, vielleicht nicht unbedingt Fehler – Wir haben eine Entwicklung durchgemacht. Man lernt dazu. Verbessert sich. Fehler machen wir heute immer noch. Das muss auch so sein. Nur so kann man Dinge besser machen.

Euer Debütalbum „Elle’ments“ hat sich 2001 eine Million Mal verkauft. Welches Gefühl habt ihr bei eurer neuen Platte „Welcome to the Dance“?

NADJA: Ein gutes. Wir haben sehr lange und hart daran gearbeitet, uns sehr gut vorbereitet. Aber vergleichen kann man das mit früher sowieso nicht. Dass wir ein Album millionenfach verkaufen, ist heute fast schon ausgeschlossen.

Ihr seid für die Aufnahmen extra nach Los Angeles gereist.

SANDY: Das war die Idee unseres neuen Managers Khalid Schröder. Nach dem Grand Prix im vergangenen Jahr waren wir an einem Punkt, an dem wir uns gefragt haben, wie es weitergehen soll. Da trafen wir Khalid. Um rauszukommen aus dem ganzen Trott, fuhr er mit uns in die USA. Für uns war die Reise eine tolle Erfahrung. Das Schreiben war für uns ein Ventil, das hat sehr gut funktioniert.

Fühlt man sich in den USA als deutscher Popstar nicht sehr unbedeutend?

JESSICA: Nein, gar nicht. Es war eine sehr tolle Atmosphäre, wir konnten dort sehr entspannt arbeiten.

LUCY: Im Gegenteil – wir haben uns dort sehr groß gefühlt. Wir sind durch die Straßen von L. A. gefahren und haben vor Freude geschrien. Ein magischer Ort, eine magische Zeit. Zu merken, dass amerikanische Produzenten Zeit und Energie investieren, um mit uns das neue Album zu erarbeiten, hat uns sehr viel Kraft gegeben. Das hat unseren Glauben an das, was wir machen, bewahrt.

Nach dem Grand Prix im vergangenen Jahr, als ihr den drittletzten Platz belegt habt, war das doch bestimmt anders.

SANDY: Nein. Solche Tiefschläge sind natürlich bitter und man braucht Zeit, um sie zu verarbeiten. Aber letztlich bereichern sie einen. Viele Erlebnisse aus dieser Zeit sind in unser neues Album eingeflossen.

Was konkret lief denn schief ?

NADJA: Der Grand Prix ist eine unvorstellbare Show. Innerhalb von 20 Sekunden muss man auf die Bühne gehen, und das in Highheels. Man muss sofort funktionieren. Die Proben sind gut gelaufen, aber als es dann darauf ankam, war die Nervosität einfach zu groß. Ein schiefer Ton hier. Ein Schrittfehler da. Der Sound stimmte nicht. So eine Bühnenshow würden wir wohl nicht mehr machen.

SANDY: Unser Auftritt an sich war aber nicht der einzige Grund. Deutschland hat in den letzten Jahren ja generell schlecht abgeschnitten.

Wie macht man sich von solchen negativen Erlebnissen frei?

SANDY: Indem man sich in Arbeit stürzt.

JESSICA: Jedes Mal, wenn man hinfällt und wieder aufsteht, ist man stärker. Man darf halt nur nicht liegen bleiben.

LUCY: Drei Wochen später sind wir auf einem Festival aufgetreten. Als wir vor knapp 10 000 jubelnden Leuten standen, da war alles vergessen.

Die Turbulenzen waren damit nicht vorbei. Im April geriet Nadja in die Schlagzeilen, weil sie ungeschützten Sex gehabt haben soll, ohne ihren Partner über ihre HIV-Infektion zu informieren.

LUCY: Unser Manager rief uns an, um uns über Nadjas Verhaftung zu informieren. Er wollte uns vor einem Schock bewahren. Doch das war nicht möglich, denn am nächsten Tag stand es in allen Zeitungen. Was dann folgte, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Wir sind regelrecht geflüchtet und untergetaucht. Es gab kein Entkommen.

SANDY: Wir hatten gerade das Album fertig, wollten wieder loslegen, da kam diese Bombenmeldung. Das hat uns unglaublich gebremst. Unabhängig davon, ob die Anschuldigungen stimmen oder nicht, gleicht das, was Nadja widerfahren ist, einer regelrechten Hexenverfolgung.

NADJA: Es war eine sehr bedrohliche Situation für uns alle. Wir hatten ein ganzes Jahr Arbeit investiert. Zeit, Geld, Liebe. Wir wollten wieder richtig durchstarten. Natürlich haben wir uns die Frage gestellt, ob das alles noch so gehen kann, wie wir uns das vorgestellt haben. Ist das nach so einem Skandal und solchen Schlagzeilen überhaupt noch möglich? Mittlerweile hat sich die Aufregung etwas gelegt. Zum Glück.

Einer eurer neuen Songs trägt den Titel „Shut your mouth“. Eine Abrechnung?

NADJA: Nein, wir hatten alle Stücke bereits fertig produziert. In diesem Lied geht es darum, dass man es nicht mehr erträgt, dass andere Menschen Lügen über einen erzählen und Gerüchte verbreiten. Jeder kann seine eigene Geschichte in den Song hineininterpretieren. Seit Jahren wurde schlecht über mich geredet, im Internet wurden Gerüchte gestreut, ich wurde erpresst. Für mich ist das Lied ganz klar auf diese Erfahrungen bezogen. Auf diese Leute, die sich von Hass und Neid treiben lassen.

Bist du erleichtert, dass du dich wegen deiner HIV-Infektion künftig nicht mehr verstecken musst?

NADJA: Naja, erleichtert kann man jetzt nicht unbedingt sagen. Ich hätte gerne selbst darüber entschieden, ob und wen ich darüber informiere. Aber wenigstens ist jetzt der Druck raus. Es gibt nichts mehr, was ich verheimlichen muss. Ich muss jetzt gucken, wie ich aus der Situation das Beste mache, denn ich will nicht mein Leben lang unglücklich sein. Aber wie das Ganze gelaufen ist, war auf jeden Fall nicht in Ordnung.

Das Gespräch führte Nana Heymann.

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