Interview mit Christina Aus der Au : "Wo sind die Grenzen der offenen Gesellschaft?"

Kirchentagspräsidentin über die Nähe Gottes, den Umgang mit Populisten und Kritikern sowie den Einfluss von Barack Obama.

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Abend der Begegnung 2015 in Stuttgart. So könnte es am 24. Mai in Berlin vor dem Reichstag aussehen. Foto: Kirchentag/ Alasdair Jardine
Abend der Begegnung 2015 in Stuttgart. So könnte es am 24. Mai in Berlin vor dem Reichstag aussehen.Foto: Kirchentag/ Alasdair Jardine

Frau Aus der Au, der Kirchentag wirbt mit orangefarbenen Plakaten mit zwei Augen drauf und dem Satz „Du siehst mich“. Wer sieht da wen?

Das ist ein Zitat aus der Bibel: Es geht um Hagar, die Magd von Sarah und Abraham. Sie ist von Abraham schwanger und flieht in die Wüste. „Du siehst mich“, sagt sie zu dem Engel, der dort zu ihr spricht. Hagar fühlt sich von Gott wahrgenommen, und das tut ihr gut. Weil Gott uns sieht, können wir von uns selbst absehen und müssen uns nicht permanent selbst bespiegeln. Man kann sich entspannen und hat Blick und Hände frei für die Nächsten.

Diese Botschaft könnte für die Berliner interessant sein – vorausgesetzt, sie wird überhaupt gehört. Wie will der Kirchentag die Menschen erreichen?

Mit Kreativität, ungewöhnlichen Orten und einem Programm, mit dem wir mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammenkommen.

Den ungewöhnlichsten Ort, den ich im Programm gefunden habe, ist ein Gottesdienst in einer Hochhaussiedlung. Wo ist da die Kreativität?

Im Jugendzentrum entsteht eigens eine Gerüstkirche. Oder schauen Sie zum Beispiel auf das „Zentrum Kinder“: Das bringen wir auf dem Gelände der Stadtmission unter. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick nicht ungewohnt. Aber ich war mit dem Kältebus der Stadtmission unterwegs. Da setzt man sich auseinander mit den Randständigen, mit den Geflüchteten, mit den Armen. Dass man Veranstaltungen für Kinder nicht an einem idyllischen Ort ansiedelt, fern jeder Not, halte ich durchaus für kreativ und eine Herausforderung. Und dass wir den Festgottesdienst mit hunderttausenden Menschen auf den Elbwiesen vor Wittenberg feiern wollen, das halten viele auch für kreativ und mutig.

Christina Aus der Au ist Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: DEKT/Jens Schulze
Christina Aus der Au ist Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags.Foto: DEKT/Jens Schulze

Die Christen sind in Berlin in der Minderheit. Wie wollen Sie diejenigen ansprechen, die mit Glaube und Religion nichts anfangen?

Für diesen Kirchentag haben wir zwei Podiumsdiskussionen zusammen mit dem Humanistischen Verband organisiert, der sich als Vertretung von Atheisten und Säkularen versteht. Wir wollen über Sterbehilfe diskutieren und über die Grenzen der offenen Gesellschaft.

Wo verlaufen für Sie diese Grenzen?

Sie können nicht von einer einzelnen Person und auch nicht von einer Gruppe ein für allemal festgelegt werden. Die Grenzen der offenen Gesellschaft sind wandelbar und müssen immer wieder demokratisch ausgehandelt werden. Wichtig ist, dass sich in diesem Prozess alle einbringen und mitbestimmen können. Der Kirchentag versteht sich als Plattform, um unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Oder sagen wir so: Alle, denen das gute Zusammenleben wichtig ist und die sich in einem wertschätzenden und interessierten Rahmen auseinandersetzen.

Viele Atheisten, aber auch Christen fordern, dass Staat und Kirchen stärker getrennt werden, und kritisieren, dass es öffentliche Zuschüsse für Kirchentage gibt. Was entgegnen Sie ihnen?

Der Kirchentag ist nicht die Kirche. Er ist eine Laienbewegung, die sich vor fast 70 Jahren gegründet hat, weil Menschen ihr Engagement nicht an Pfarrer und Bischöfe delegieren wollten. Wir bekommen Geld von Stadt und Land, weil wir sehr viele engagierte und hoch motivierte Menschen zusammenbringen, die sich für die Gesellschaft einsetzen. Das ist ja keine Missionsveranstaltung, sondern es werden Themen angesprochen, die alle etwas angehen. Zum Beispiel das Thema Flüchtlinge.

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