Interview mit Hertha-Kapitän Friedrich : "Wir haben mittlerweile ein anderes Ansehen"

Hertha steht in der Bundesliga glänzend da wie lange nicht. Im Interview mit Tagesspiegel.de äußert sich Kapitän Arne Friedrich über die Gründe für den Höhenflug, lobt Diva Marko Pantelic und erklärt, warum er sich in der Historie seines Vereins nicht auskennt.

Arne Friedrich
Arne Friedrich bleibt den Berlinern erhalten. -Foto: dpa

BerlinHerr Friedrich, wie fühlt sich das an, wenn Sie auf die Tabelle blicken?



Das ist natürlich ein sehr schönes Gefühl, an dritter Position zu stehen. Allerdings wissen wir alle, dass dies nur eine Momentaufnahme ist, und dass wir alle hart arbeiten müssen, um da oben zu bleiben.

Sind Sie über den Höhenflug bei Hertha überrascht?

Überrascht bin ich nicht unbedingt, weil wir sehr gut trainiert haben. Wir arbeiten jetzt schon längere Zeit mit unserem Trainer zusammen, und das trägt jetzt Früchte. Doch dass es so gut läuft, damit konnte man wirklich nicht rechnen.

Trainer Lucien Favre gilt als gewiefter Taktiker. Warum hat es in der vergangenen Saison noch nicht so gut mit ihm geklappt?

In Zürich war es genau das gleiche. Er braucht erst seine Anlaufzeit, um alles zu sondieren und einige Veränderungen vorzunehmen. Er hat bei seinem Dienstantritt im vergangenen Jahr gesagt, dass er vielleicht ein Jahr braucht, um bei der Hertha Veränderungen sichtbar zu machen. So ist es dann auch gekommen.

Sie haben in Ihrer Karriere schon einige Trainer erlebt. Was zeichnet Favre besonders aus?

Er ist sehr akribisch, er arbeitet von morgens bis abends für den Fußball. Er ist taktisch sehr geschult, und er vermittelt diese Richtlinien sehr gut. Ich habe noch unter keinem Trainer so viel Taktik trainiert.

Wird das nicht irgendwann langweilig?

Nein, überhaupt nicht. Man muss die Dinge immer wieder trainieren, um sie zu verinnerlichen. Das ist wie bei Freistößen, die trainiert man auch immer wieder aufs Neue.

Was sind außer dem Trainer noch die Gründe für den Aufschwung der Hertha?

Die Moral in der Mannschaft. Wir sind zusammen gewachsen und haben einen richtigen Teamgeist entwickelt. Wir unternehmen auch neben dem Platz einiges miteinander, gehen zusammen essen. Das sieht man auf dem Platz. Wenn wir mal zurückliegen, kämpft der eine für den anderen. Das hatten wir in den letzten Jahren nicht so. Außerdem haben fast alle unsere Neuzugänge eingeschlagen.

Wer besonders?

Da möchte ich keinen hervorheben. Egal ob Gojko Kacar, Max Nicu oder Cicero. Sie alle haben super überzeugt.

Vor kurzem haben Sie noch gewarnt, das Team spiele noch nicht konstant genug. Sehen Sie das immer noch so?

Mit Kostanz meine ich, dass wir unser Spiel über 90 Minuten durchziehen müssen und nicht nur über 45. Innerhalb von einem Spiel haben wir das sicherlich noch nicht abgestellt, auch wenn wir gegen Köln schon relativ konstant waren. Das ist ein Prozess, der seine Zeit dauert. Doch insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Entwicklung bei uns.

Sie sind seit 2002 in Berlin. Ist das bislang die schönste Saison mit der Hertha?

Sicherlich ist es im Moment sehr angenehm, doch die Saison ist noch nicht vorbei. Abgerechnet wird erst nach 34 Spieltagen und nicht nach 15. Aber im Moment läuft es natürlich super, und es macht sehr viel Spaß.

Haben Sie das Gefühl, dass Hertha vielleicht immer noch von den Gegnern unterschätzt wird?

Weiß ich nicht, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass wir mittlerweile ein anderes Ansehen bekommen haben. Die anderen Mannschaften respektieren uns. Hertha ist nicht ganz so ein unbeschriebenes Blatt wie etwa Hoffenheim, die vielleicht noch hin und wieder unterschätzt werden. Obwohl dass natürlich schwachsinnig ist, weil jeder weiß, was die für eine Mannschaft haben. Aber unterbewusst passiert es dann vielleicht doch. Ich glaube aber nicht, dass uns andere Teams unterschätzen.

Hertha haftet immer noch das Image des drögen Vereins ohne Profil an. Ärgert Sie das?

Ach was heißt ärgern, natürlich kommen nicht so viele Zuschauer zu uns wie in anderen Stadien. Doch ich bin mir sicher, wenn wir so weiterspielen, werden auch mehr Leute kommen.

Vielleicht liegt die schwache Publikumsresonanz auch am Olympiastadion mit seiner großen Laufbahn?

Ich denke das Olympiastadion ist ein sehr spezielles und besonderes Stadion, weil es Geschichte und Moderne vereint. Viele Fans wünschen sich natürlich ein reines Fußballstadion. Aber wir sollten bei den Fakten bleiben, die besagen, dass wir in den nächsten Jahren wohl kein reines Fußballstadion bekommen werden. Deswegen brauchen wir darüber nicht zu sprechen.

Sprechen wir über die laufende Saison. Was ist für Hertha möglich?

Unser Ziel ist es, in die Uefa-Cup-Region zu kommen, da sind wir im Moment, das müssen wir verteidigen. Was am Ende dabei rauskommt, müssen wir schauen.

Und wie sieht es im aktuellen Uefa-Cup-Wettbewerb aus?

Das sieht relativ schwierig aus. Wir müssen aus den verbleibenden Spielen mindestens vier Punkte holen. In Piräus zu punkten, ist sehr schwer und zu Hause gegen Istanbul zu gewinnen, ist sicherlich auch nicht leicht. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit werden, weiter zu kommen.

Früher hieß es immer, Hertha ist von Marcelinho oder Marko Pantelic abhängig. Freut es Sie, dass es aktuell auch mal ohne Pantelic klappt?

Es freut mich in dem Sinne, dass wir nicht mehr so leicht auszurechnen sind. Wir können mehrere Varianten spielen, auch wenn Marko mal fehlt. Da sind dann andere da, die auch ihre Leistung bringen. Das kann für eine Mannschaft nur förderlich sein, wenn man Alternativen hat.

Sie haben die Moral in der Mannschaft gelobt. Stören da nicht die Mobbing-Vorwürfe von Pantelics Rechtsberater Wolfgang Müllenbrock gegen Trainer Favre den inneren Frieden einer Mannschaft?

Gar nicht, das Thema wird in der Öffentlichkeit natürlich sehr breit getreten. Intern gibt es da keine Probleme.

Wie gehen Sie mit einer Diva wie Pantelic um, bei dem der Beobachter oft das Gefühl hat, seine eigene Person ist ihm wichtiger als das Mannschaftsgefüge?

Für mich persönlich ist es wichtig, dass er sich auf dem Platz einreiht, die Vorgaben umsetzt und mannschaftsdienlich spielt. Dass er das tut, kann ich nur unterstreichen. Er ist immer mit 100 Prozent Einsatz dabei und schießt natürlich auch seine Tore. Ob er privat nun ein wenig anders tickt, ist zweitrangig.

Sie sind bereits seit 2004 Kapitän bei Hertha BSC. Dennoch ist über Sie zu lesen, dass Sie erst seit kurzem zum absoluten Führungsspieler gereift sind. Was hat sich bei Ihnen verändert?

Das ist doch der Lauf der Zeit, dass man reifer wird, Erfahrungen sammelt. Ich bin relativ jung Kapitän geworden (mit 25 Jahren, Anm. d. Red.), bin für das Amt von Trainer Falko Götz bestimmt worden, und das ist sicherlich eine Rolle, in die man erst hineinwachsen muss. Das war bei mir auch der Fall. Jetzt bin ich aber ganz zufrieden mit meinem Führungsstil.

Wie sieht Ihr Führungsstil aus. Hauen Sie auch mal dazwischen, wenn Ihnen etwas nicht passt?

Das bleibt intern. Natürlich spreche ich auch mal Dinge an. Doch wie genau und was meine Art dabei ist, das behalte ich für mich.

Fans identifizieren sich mit ihrem Verein, kennen die Historie oft in- und auswendig, haben alle Fakten parat. Tun Sie das als Spieler auch?

Überhaupt nicht.

Gar nicht?

Eigentlich relativ wenig.

Mal ein Test: Wissen Sie, wann Hertha BSC das letzte Mal abgestiegen ist?

Mit der Vergangenheit befasse ich mich relativ ungern. Ich lebe in der Gegenwart und versuche mein Spiel zu verbessern und das von der Mannschaft. Was gewesen ist, und wann wir Champions League gespielt haben, interessiert mich nicht wirklich.

Bundestrainer Joachim Löw hat im Zuge des Richtlinienkataloges bei der Nationalelf gefordert, der Spieler soll sich mit seinem Beruf identifizieren. Gehört es da als Bundesligaprofi nicht dazu, sich mit der Geschichte seines Klubs zu befassen?

Ich glaube, das hat er nicht gemeint. Er meint, dass wir uns auf unseren Job konzentrieren sollen, dass wir unsere Aufgaben ausfüllen, dass wir uns hinterfragen, was wir besser machen können. Dass wir darüber nachdenken, wie wir gesund leben, wie wir uns ernähren sollten. Das sind Dinge, die für mich persönlich wichtig sind und nicht, wann der Verein was gewonnen hat oder abgestiegen ist.

Wissen Sie dann, wie viele Spiele Sie für Hertha BSC Berlin absolviert haben?

So ungefähr, weil ich es neulich irgendwo gehört habe. Ich glaube 188 oder 189. Es ist mir aber relativ wurscht.

Richtig, mit dem Köln-Spiel sind es 189 geworden. Außerdem haben Sie 13 Tore geschossen. Das ist für einen Abwehrspieler gar nicht übel, oder?

Ja, ist nicht schlecht, es wird aber mal wieder Zeit, das ich treffe.

In einem Artikel über Sie stand die Überschrift "Der Anti-Star". Fassen Sie das als Beleidigung oder Kompliment auf?

Für mich ist das ein Kompliment, weil ich nicht irgendwelche Star-Allüren raushängen lasse.

Könnte damit nicht vielleicht auch gemeint sein, dass Sie für manchen Beobachter unspektakulär spielen?

Das kann sein. Allerdings war das schon immer meine Spielweise. Ich versuche meinen Job zu erfüllen, ich versuche die Aufgaben des Trainers umzusetzen. Ich bin kein Franck Ribéry, der irgendwelche Übersteiger macht. Als Abwehrspieler muss man das auch nicht unbedingt.

Sie sind in der ostwestfälischen Provinz von Bad Oeynhausen aufgewachsen. Waren Sie früher Fan von Arminia Bielefeld, für die Sie später gespielt haben?

Nein, als ich noch nicht Profifußball gespielt habe, war ich Fan von Borussia Dortmund.

2002 sind Sie in die Hauptstadt Berlin gekommen. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an Berlin denken?

Berlin ist seit sieben Jahren meine Heimat. Ich fühle mich hier sehr wohl, es ist eine wunderbare Stadt. Es ist auf jeden Fall eine Weltstadt.

Hatten Sie am Anfang keine Probleme, sich zurecht zu finden?

Überhaupt nicht. Vom ersten Tag an habe ich mich sehr wohl gefühlt. Klar war alles ein bisschen größer, doch daran gewöhnt man sich sehr schnell.

Was fasziniert sie an Berlin am meisten?

Die Vielseitigkeit, die Geschichte, die hier in der Stadt zu fühlen ist. Der Unterschied zwischen Osten und Westen oder dem zwischen Mitte und dem Westteil der Stadt.

Wo halten Sie sich in der Stadt am liebsten auf?

Am meisten bin ich im Westen, wo ich auch wohne (Charlottenburg, Anm. d. Red.). Ich fahre aber auch sehr gerne nach Mitte oder Prenzlauer Berg. Da gibt es schöne Kneipen, wo man was trinken gehen kann. Einen Lieblingsort habe ich aber nicht.

Sind Sie ein Internetfreak, der ein Profil bei My-Space oder Xing.com hat?

Nein, ich nutzte das Internet nur, um mich zu informieren oder meine E-Mails abzurufen.

Spielen Sie denn wenigstens auf der Playstation, wie das fast alle Fußballer tun?

Das spiele ich hin und wieder mit ein paar Mannschaftskollegen, aber alles in Maßen.

Das Interview führte Matthias Bosssaller