Interview : "Wir müssen besorgt sein"

Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts und Deutschlands oberster Seuchenbeauftragter, über die Frage, wie gefährlich das Schweinegrippe-Virus ist - und wie man sich schützen kann

Hacker
Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts. -Foto: dpa

Kann die Schweinegrippe zur weltumspannenden Epidemie, zur Pandemie, werden?

Die Gefahr ist da. Wir wissen noch nicht genau, wo es hinläuft, aber das Virus hat ein entsprechendes Potenzial. Es ist von Mensch zu Mensch übertragbar und kann sich deshalb relativ schnell ausbreiten. Andererseits muss man sagen, dass viele Länder gelernt haben, sich vorzubereiten. Auch bei uns gibt es Pandemiepläne und Vorsorgemaßnahmen. Dadurch wird das Virus daran gehindert, sich uneingeschränkt zu verbreiten. Aber wir müssen besorgt sein.

Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Mexiko hat nun die Zahl der tatsächlich bewiesenen Infektionen deutlich nach unten korrigiert.

Es gibt immer noch einen Widerspruch zwischen den relativ milden Verläufen außerhalb von Mexiko und im Land selbst. Inzwischen gibt es auch einen ersten Todesfall außerhalb von Mexiko. Daher können wir die Gefährlichkeit des Virus noch nicht gut bewerten.

Ändert die Tatsache, dass wir nun auch in Deutschland erste Fälle haben, die Bewertung des Risikos?

Durch die ersten Fälle in Deutschland ändert sich unsere Risikobewertung nicht. Mit diesen Fällen musste man rechnen. Die deutschen Patienten haben sich alle in Mexiko infiziert.

Weiß man, wo das Virus herkommt?

Nein, das ist bisher nicht bekannt. Es hat ja diesen unglücklichen Namen „Schweinegrippe“ bekommen. Aber die Quelle ist bislang noch nicht identifiziert. Der Name rührt wohl daher, dass ein Teil des Erbmaterials von Schweine-Influenzaviren stammt. Daneben besitzt es Anteile von menschlichen Influenzaviren und von Vogelgrippeviren. Es kommt vor, dass mehrere Viren verschiedener Herkunft ein und dieselbe Zelle befallen und dort Erbgut neu kombinieren, wie ein Mosaik, das neu zusammengesetzt wird.

Das Virus ist also im Schwein zusammengemixt worden?

Das ist gut vorstellbar. Aber es hat das Schwein vermutlich schon eine ganze Weile verlassen, weil eine Übertragung von Mensch zu Mensch beobachtet wird.

Wie lange schon? Mexiko berichtet von einem ersten Fall Anfang März.

Das kann sein, ist aber im Moment schwer zu beurteilen.

Wie werden Verdachtsfälle in Deutschland geprüft?

Die Menschen, die aus Mexiko zurückkommen und Grippesymptome haben, melden sich bei ihrem Arzt. Der Arzt macht einen Abstrich aus Rachen oder Nase, und das wird dann vor Ort getestet oder in Absprache mit dem Nationalen Referenzzentrum am Robert-Koch-Institut direkt an das Institut geschickt. Es gibt einen Schnelltest und einen Test, mit dem das Erbmaterial detailliert untersucht wird. Einen solchen hat unser Referenzzentrum entwickelt.

Die genetische Sequenz des Erregers ist also bekannt?

Ja, die US-Seuchenbehörde CDC hat sie uns zur Verfügung gestellt. Auf dieser Basis haben wir den Test etabliert.

Wie kann man vorbeugen?

Natürlich gibt es Hygieneregeln, die auch hier gelten: Hände waschen, das Handgeben vermeiden, nicht mit den Händen ins Gesicht fassen, andere nicht anhusten und die zu große Nähe zu fremden Menschen vermeiden. Einfache, aber empfehlenswerte Maßnahmen.

Was macht das Virus möglicherweise gefährlicher als eine normale Virusgrippe?

Neben der guten Übertragbarkeit die Tatsache, dass es noch keine Immunität in der Bevölkerung gibt. Darauf deutet auch hin, dass eher jüngere Menschen befallen werden, die eigentlich ein gutes Immunsystem haben.

Gibt es in Deutschland genügend Medikamente für den Notfall?

Davon gehen wir aus. Die Grippesaison ist ja bei uns bereits vorbei, von daher gibt es keinen Bedarf mehr. Wenn also der Verdacht besteht, kann man das Medikament mit Rezept in der Apotheke kaufen. Im Falle eines größeren Bedarfs haben die Bundesländer Arzneimittel gemäß dem Pandemieplan eingelagert.

Zum Thema Impfstoff: Muss man sich angesichts begrenzter Kapazitäten nicht bald entscheiden, ob man einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe oder für die nächste „normale“ Grippesaison produziert?

Die Weltgesundheitsorganisation hat entschieden, Vorbereitungen für einen Impfstoff gegen das neue Virus zu treffen. Wenn sich tatsächlich eine Pandemie abzeichnet, dann ist es ganz klar, dass ein entsprechender Impfstoff gegen das Virus hergestellt wird.

Ist Deutschland gut genug vorbereitet?

Ich glaube, wir sind so gut vorbereitet, wie wir nur vorbereitet sein können. Natürlich gibt es bei Infektionskrankheiten immer ein Überraschungsmoment. Wir haben von der Sars-Infektion vor sechs Jahren gelernt und von der Vogelgrippe H5N1. Jetzt gibt es Pandemiepläne.

Ist es noch ratsam, nach Mexiko zu fliegen?

Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass man nur in dringenden Fällen reisen sollte. Eine vernünftige Einschätzung.

Seuchenbekämpfung ist in Deutschland Ländersache. Sind nicht manche Bundesländer damit überfordert?

Die Bundesländer sind gut vernetzt, wir gehen davon aus, dass die Länder sich melden, wenn sie Unterstützung brauchen. Wir haben auch ein Team zur Untersuchung von Ausbrüchen angeboten.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

Jörg Hacker (57) leitet seit März 2008 das Robert- Koch-Institut. Zuvor war er Professor für Infektionsbiologie in Würzburg und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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