Jean Paul : Stürmische Worte

Twittern anno 1800: Die neu herausgegebenen Briefe an den Berliner Schriftsteller Jean Paul erzählen Seelengeschichten einer Epoche

Sibylle Salewski
302614_0_c8e8857c.jpg
Selbstentblößung. Jean Paul beantwortete die an ihn gerichteten Briefe nicht nur, er reichte sie auch gerne im Bekanntenkreis...

Ein Brief, zwei Zeilen nur, voll Leidenschaft: „Kommen Sie ja! Sie müssen mich hören! Ich schreite fort; ich bin unveränderlich bis in Tod! Bis in Tod!“ Diese stürmischen Worte schrieb Charlotte von Kalb im Dezember 1798 an den Schriftsteller Jean Paul Friedrich Richter. Nur wenige Tage zuvor hatte er ihre Bitte, sie zu heiraten, abgelehnt. Doch trotz der Zurückweisung setzte die 37 Jahre alte von Kalb, die in einer unglücklichen Konventionsehe lebte, ihren Dialog mit dem Dichter fort. Manche ihrer Briefe gelten Alltäglichkeiten: „Ach bester, dreimal habe ich Sie schon heute zum CAFFÉE einladen wollen u. noch nicht Zeit gehabt. Sie kommen diesen Nachmittag um 3 Uhr zu uns. Mereaus aus Jena kommen zu uns. Darum bitte ich Sie.“ Andere Briefe spiegeln ihre Enttäuschung über das Leben und die Liebe: „Es giebt nichts Schmerzlicheres, als die gleichgültige Gegenwart eines Wesens, das sonst uns nahe war, das einst zu unserm Herzen sagte: Du bist mein.“ Verzweiflung wechselt sich in ihren Schreiben ab mit dem beglückten Entzücken, im Austausch mit dem großen Jean Paul zu stehen.

Nachzulesen ist all dies in der auf acht Bände angelegten kommentierten Ausgabe der Briefe an Jean Paul, die die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften herausgibt. Der nun erschienene dritte Band umfasst die Jahre 1797 bis 1800, in denen Jean Paul sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms befindet. 1795 war der „Hesperus“ erschienen, der den bis dahin wenig bekannten Autor schlagartig berühmt machte. Dementsprechend umfangreich ist die Korrespondenz dieser Jahre. 3,2 Kilogramm wiegt der in vier blau gebundene Volumen unterteilte Band 3.

Darin finden sich Liebesbriefe der Frauen in Jean Pauls Leben, Charlotte von Kalb war nicht die einzige. Gleich zweimal ver- und entlobte sich Jean Paul in den Jahren 1798 und 1799, einmal mit Emilie von Berlepsch, das zweite Mal mit Caroline von Feuchtersleben, nur um dann 1801 eine andere zu heiraten, die Berlinerin Caroline Mayer. Doch Herzschmerz, Sehnsucht und Verlangen bilden nur einen Teil der insgesamt über 2200 Briefe an Jean Paul. In ihnen finden sich neben Geschichten von heftigen Gefühlen und Zurückweisungen auch Zeugnisse edler Männerfreundschaften und eines tiefen philosophischen Austausches.

Briefe der Schriftsteller und Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi und Johann Gottfried Herder stehen neben Schreiben des erst durch den jetzt erscheinenden Briefband bekannten Jurastudenten und hochbegabten Geigers Paul Emile Thieriot, mit dem Jean Paul eine gefühlsreiche Freundschaft verband. Über weite Strecken lesen sich diese Texte wie Erzählungen. Es braucht kein Literaturstudium, um sich an der Fülle der Details des Alltagslebens der gerade beginnenden Romantik zu erfreuen, und man kann sich in dem ausführlichen Zuschaustellen der vielfältigen Empfindungswelten der Briefschreiber verlieren.

„Intimität ist im 18. Jahrhundert eine Attitüde“, erklärt Markus Bernauer, der die Edition der Briefe an Jean Paul seit 2008 leitet, „sie ist als öffentliche Pose gedacht und ist ein Gestus, wie der Seelenerguss ein Gestus ist.“

Die Briefe werden nicht als persönliche Mitteilungen verstanden, die für nur einen Adressanten bestimmt sind. Im Gegenteil. „Diese Art der Kommunikation und Zweisamkeit war immer auch öffentlich gedacht“, sagt Angela Steinsiek, die zusammen mit Michael Rölcke an der Edition des vierten und sechsten Bandes der Briefe an Jean Paul arbeitet. „Es war selbstverständlich, dass man Briefe weiterreichte“, sagt Rölcke, „so weiß man Bescheid, nimmt Teil, mit allen positiven und negativen Folgen. Es findet sich da unendlich viel Tratsch und Klatsch.“

Briefe seiner Verlobten Caroline von Feuchtersleben etwa gab Jean Paul an seinen Freund Christian Otto weiter, ebenso Briefe von Jacobi oder dem dänisch-deutschen Schriftsteller Jens Peter Baggesen. „Des alten Jakobi’s jugendlicher, mit junger Handschrift auf jungem Papier geschriebener Brief hat mich sehr ergözzet“, antwortet Otto ihm, „Baggesens seiner minder. Er schildert sich in den ersten vier Zeilen zu sehr. Er hat etwas Schmeichlerisches u Gesuchtes und eine erkünstelte Offenheit.“ So wandern die Schreiben von einem zum anderen, werden zitiert, kommentiert, diskutiert.

Der Jugendfreund Christian Otto ist Vertrauter und Berater. „Seine Briefe sind sicherlich die am wenigsten gestellten“, sagt Markus Bernauer. Im Jean Paulschen Briefkosmos haben die einzelnen Korrespondenten oft klar bestimmte Funktionen: „Jacobi ist der Mann des philosophischen Austauschs, Feuchtersleben ist ein persönliches Gespräch, Charlotte von Kalb ist die Drängende, die von ihm auf Distanz gehalten wird.“ Diese Art der Rollenzuweisung reicht weit: „In den Brautbriefen nimmt die Verlobte eine Figur in seinem bevorstehenden Lebenslauf ein. Diese Art der Selbstinszenierung hat vor Jean Paul so niemand betrieben“, sagt Markus Bernauer.

Seit 2008 arbeitet er an der Fortsetzung des Editionsprojekts der Briefe an Jean Paul. In den beiden Jahren davor lag das Projekt still. Die Finanzierung durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften war ausgelaufen. Erst nachdem Gelder der Oberfrankenstiftung und der Bayerischen Landesstiftung eingeworben werden konnten, ging es im vergangenen Jahr weiter.

Wozu ein so aufwendiges Editionsprojekt – wer braucht tausende Briefe an Jean Paul? Man könne gar nicht sagen, was die Erkenntnis ist, bevor man die Briefe nicht aufgearbeitet hat, erklären die Forscher. Das Projekt rechtfertige sich, wenn es fertig ist. Heute stehe fest: Neben einer besseren Kenntnis von Jean Paul und der Entstehungsgeschichte seiner Texte bringt die Edition auch eine deutlich bessere Kenntnis der deutschen Klassik – und vor allem eben neue Einsichten in die Kommunikationsstrukturen um 1800, sagt Bernauer. Zudem gehörten solche kommentierten Briefausgaben zum Handwerkszeug der literaturwissenschaftlichen Forschung. Wer einen wissenschaftlichen Aufsatz etwa über die Briefkommunikation anno 1800 schreibe, könne nicht erst in alle Archive fahren und das Material in jahrelanger Kleinarbeit eigenhändig aufarbeiten.

Die Edition wird von Bernauer, Steinsiek und Rölcke mit äußerster Sorgfalt betrieben. Neben den klassischen editionsphilologischen Fakten – Herkunft, Textversion, Bezug auf andere Textstellen – werden alle Briefe inhaltlich und zeilengenau kommentiert. Jeder Schreiber wird mit einer Kurzbiografie eingeführt. Der Arbeitsaufwand ist enorm, das Ziel umfassend: „Wir wollen die Literaturwelt Jean Pauls wiederherstellen“, sagt Bernauer.

Wege und Formen der Kommunikation bildeten ein eng verwobenes Netzwerk, das sich zwar um Jean Paul und seine Werke herum entfalte, in seiner Vielschichtigkeit aber weit darüber hinausgehe. „Wir entdecken da eine Kommunikation im Netzwerk und ein Zurschaustellen von Intimität. Das sind Dinge, die wir heute für so modern halten, die aber im 18. Jahrhundert durchaus schon präsent sind und die Formen einer Postmoderne darstellen, die wir der Zeit nie zuschreiben würden“, sagt Bernauer. Wie umfassend dieses Netzwerk war, hat den Literaturwissenschaftler selbst überrascht: „Mir war nicht klar, in welchem Maße dieser Mann von einer wild korrespondierenden Welt umgeben war.“

Der Vergleich mit den digitalen Kommunikationsformen unseres Jahrzehnts liegt auf der Hand. „Diese Briefe lesen sich wie die Zeitreise in eine exotische Welt“, sagt Bernauer. „Die eigene Wirklichkeit zeichnet sich sehr viel schärfer ab, wenn man die fremden Welten dagegen absetzt. Man lernt über Facebook und E-Mail-Kultur eine Menge, wenn man sich die Briefkultur um 1800 genauer anguckt.“

Nicht nur die Häufigkeit der Schreiben und das breite inhaltliche Spektrum – von trivialen Alltagswehwehchen bis zum tiefen philosophischen Diskurs – erinnert an heutige Textmessages oder E-Mail-Kommunikation. Auch die Selbstentblößung und die mangelnde Privatheit der Kommunikation in diesem Netzwerk des 18. Jahrhunderts lassen Blogs, Twitters und Facebookeinträge von heute weit weniger neu und einmalig erscheinen als bisher gedacht.

Jean Pauls Sämtliche Werke, vierte Abteilung: Briefe an Jean Paul. Bd. 3.1: 1797 bis 1799, hrsg. von Angela Goldack, Monika Meier, Norbert Miller, 845 S.; Bd. 3.2: 1799 bis 1800, hrsg. von Markus Bernauer, Angela Goldack, Petra Kabus, 929 S., bd. im Akademie Verlag, Berlin 2009, je 118 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben