Der Tagesspiegel : „Jede Technik hat negative Folgen“

Fachleute diskutieren, wie der steigende Energiebedarf gedeckt werden kann

von
331649_0_175dec44.jpg dpa-Zentralbild
Mit Hochspannung. Das Stromnetz verteilt die Energie übers Land. Foto: p-a/ZBdpa-Zentralbild

Energieversorgung, das wird künftig vor allem Versorgung mit Strom bedeuten. Davon ist Frank Behrendt überzeugt. „Elektroenergie ist weitaus flexibler als andere Energieträger, deshalb werden beispielsweise im Autoverkehr herkömmliche Kraftstoffe von Batterien verdrängt“, sagt der Energietechniker von der TU Berlin. Wie Deutschland seinen Energiebedarf langfristig decken soll, darüber wird derzeit wieder heftig diskutiert. Mit oder ohne Kernenergie? Wie groß kann der Anteil der Erneuerbaren werden? Wird es jemals Kohlekraftwerke mit geringem CO2-Ausstoß geben?

Über die technischen Möglichkeiten, aber auch über die Probleme neuer Verfahren diskutieren heute Experten bei einem internationalen Symposium zur Energieforschung in Berlin. „Die erneuerbaren Energiequellen werden in den nächsten Jahrzehnten einen immer größeren Anteil einnehmen, aber derzeit sind die Stromnetze dafür noch nicht geeignet“, sagt Behrendt. Sowohl bei den Hochspannungsleitungen, die etwa Strom von Offshore-Windparks in die Industriezentren liefern sollen, als auch in den Kabelnetzen, die die Haushalte versorgen, fehle geeignete Steuerungstechnik, um Schwankungen auszugleichen.

„Dieses Problem zu lösen, ist eine Forschungsaufgabe, die uns sicher noch zehn oder 20 Jahre beschäftigt“, sagt der TU-Wissenschaftler, der zu den Koordinatoren des „Konzepts für eine integrierte Energieforschung in Deutschland“ gehört. Eine erste Fassung wurde im Herbst von den drei Akademien Leopoldina, acatech und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. Zum Jahresende soll eine erweiterte Version mit zusätzlichen Informationen für Politiker erscheinen. „Denn die Entscheidung, welche Technik langfristig genutzt wird, trifft die Politik, das ist nicht die Aufgabe von uns Wissenschaftlern“, stellt Behrendt klar. Die Studie hatte einige Aufregung ausgelöst, weil die rund 100 Autoren unter anderem empfehlen, auch die Kerntechnik weiter zu erforschen. Kritiker sehen damit den vor zehn Jahren beschlossenen Atomausstieg gefährdet.

„Ich halte es für fahrlässig, in der Erforschung von Energietechniken auf eine Option von vornherein zu verzichten“, sagt Ferdi Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim/Ruhr, der ebenfalls zu den Koordinatoren des Konzepts gehört. Forschung müsse grundsätzlich breit angelegt sein, um stets die Wahl zu haben, welche Methode in der Praxis eingesetzt wird, fügt er hinzu und nennt als Beispiel die Batterieforschung. „Die wurde hierzulande weit heruntergefahren, weil man dachte, das sei nicht wichtig.“ Jetzt gebe es eine Lücke, in der Forschung wie bei Fachkräften, die mühevoll geschlossen wird. „Wenn man vorhandene Techniken mit etwas mehr Gelassenheit weiterverfolgte, dann würden solche Brüche nicht entstehen.“

Dennoch: Die Akzeptanzfrage wird niemals für alle befriedigend gelöst werden, ist Schüth überzeugt. Das treffe die Kernenergie ebenso wie die Erneuerbaren – Stichwort Verspargelung der Landschaft und Rotorgeräusche der Windräder. „Wir müssen den Menschen klarmachen, dass es keine Energietechnik ohne negative Folgen gibt“, sagt er. „Einzige Ausnahme: die Erhöhung der Effizienz, zum Beispiel durch eine bessere Isolierung von Gebäuden.“ Bis zu 60 Prozent des Raumwärmebedarfs ließen sich damit einsparen.

Insgesamt nimmt der Energieverbrauch aber weiter zu. Nach einer kurzen, krisenbedingten Pause im vergangenen Jahr geht die Internationale Energieagentur davon aus, dass sich der Trend nach oben schon jetzt fortsetzt. Sie rechnet weltweit mit einer Steigerung um 40 Prozent in den nächsten 20 Jahren.

Auf der anderen Seite sind fossile Energieträger, allen voran Erdöl, endlich. Die Chemieindustrie klagt bereits, dass ihr die Grundlage entzogen wird. „Erdöl ist viel zu schade, um es zu verbrennen. Es muss vorrangig stofflich genutzt werden“, fordert etwa Michael Röper von BASF. Zwar versuchen Chemiker, die benötigten Kohlenstoffverbindungen vermehrt aus Erdgas, Biomasse und Kohle zu gewinnen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch dort zur Nutzungskonkurrenz kommt. Ralf Nestler

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar