Jennifer in Lübbenow : 13-Jährige war in ihrem Leben noch nie beim Arzt

Im Landkreis Uckermark hat nach der Entdeckung eines 13-jährigen Mädchens, das von ihren Eltern über Jahre vor der Öffentlichkeit versteckt worden war, die Suche nach Ursachen für dieses Phänomen begonnen. Wie dabei festgestellt wurde, ist die offenbar körperlich und geistig behinderte Jennifer im Laufe ihres Lebens niemals einem Arzt vorgestellt worden.

Claus-Dieter Steyer

Lübbenow Lübbenow - Im Landkreis Uckermark hat nach der Entdeckung eines 13-jährigen Mädchens, das von ihren Eltern über Jahre vor der Öffentlichkeit versteckt worden war, die Suche nach Ursachen für dieses Phänomen begonnen. Wie dabei festgestellt wurde, ist die offenbar körperlich und geistig behinderte Jennifer im Laufe ihres Lebens niemals einem Arzt vorgestellt worden. Es gibt keinerlei Nachweise eines Arztbesuches, bestätigte die Sprecherin der Kreisverwaltung Uckermark am Freitag in Prenzlau. Möglicherweise hängt das mit dem Umzug der Familie aus dem Raum Berlin vor neun Jahren in das kleine Dorf Lübbenow zusammen. Hier sollen die Eltern mit ihren insgesamt drei Kindern isoliert am Ortsrand gelebt haben. Sie hatten kaum Kontakt zu ihren Nachbarn. Erst ein anonymer Hinweis führte Mitte Juli die Polizei in das Haus. Dabei fanden die Beamten das Mädchen. Die verständigte Staatsanwaltschaft sprach von einem „verwahrlosten Zustand“. Das Kind befindet sich seitdem in einer Klinik.

Wie Recherchen des Staatlichen Schulamtes des Kreises Uckermark ergaben, war Jennifer durchaus beim Einwohnermeldeamt gemeldet. Allerdings besuchte das Kind nie eine Schule. Die Hintergründe dafür wollen die Behörden jetzt klären. Wahrscheinlich haben die Eltern ihre Tochter nie bei einer Schule angemeldet. Das Verhalten der Schule, die die Liste der schulpflichtigen Kinder nach bisherigen Erkenntnissen des Schulamtes erhalten haben soll, ist bisher noch unbekannt. Die Leiterin der Schule kann derzeit nicht befragt werden, da sie sich im Urlaub befindet.

Wie die Sprecherin des Landkreises mitteilte, hatte ein Mitarbeiter 2006 bei einer Prüfung der Familienverhältnisse keine Gefährdung des Kindes festgestellt. Er habe den Eltern geglaubt, dass die Tochter wegen ihrer Behinderung von der Schulpflicht befreit sei. Die beiden anderen Kinder der Familie gehen regulär zur Schule.

Uckermark-Landrat Klemens Schmitz (parteilos) verlangte als Reaktion auf den Fall eine verpflichtende ärztliche Untersuchung für Kleinkinder. „Es dürfen keine Kinder mehr durch das Raster fallen“, sagte Landrat Schmitz.

Bis Ende August will er nach eigenen Angaben alle Umstände lückenlos aufklären lassen. Er räumte zugleich ein „individuelles Versagen“ im Jugendamt ein, das 2006 von dem Kind erfahren, aber nicht gehandelt habe. Er sprach von einer „unvorstellbaren Informationslücke“, weil die Behörden die Familie nach 2006 „aus den Augen verloren“ haben. Er bezeichnete den Zustand des Kindes als „schlimm“, ohne Details zu nennen. Durch eine bessere Vernetzung der Behörden untereinander sollten solche Geschehnisse verhindert werden.

Der Staatsanwaltschaft Neuruppin liegen keine neuen Erkenntnisse zum Fall vor. Sie ermittelt gegen die Eltern unter anderem wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Ihnen droht bei einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Gegen Behörden laufen derzeit keine Untersuchungen der Staatsanwaltschaft.

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