Jens Steiners Dorfroman "Carambole" : Kleeblatt und Kuhfladen

Der Schweizer Autor Jens Steiner spielt in seinem Dorfroman „Carambole“ mit Zufall und Notwendigkeit. Eine Kugel wird zum Rollen gebracht, mit ungewissem Ziel.

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Wer A sagt, muss irgendwann auch was Anderes sagen.
Wer A sagt, muss irgendwann auch was Anderes sagen.Foto: picture alliance / dpa

Carambole ist eine Art Fingerbillard indischen Ursprungs und folgt einfachen Regeln. Man schubst Kugeln in ein Loch in der Ecke des Spielfelds. Manchmal werden die falschen angestoßen, aber dann kann sich herausstellen, dass es doch die richtigen sind. Ein Spiel wie das Leben – oder die Literatur. Jedenfalls wenn man beides so versteht wie der Schweizer Autor Jens Steiner, der seinen zweiten Roman „Carambole“, der wie das Debüt „Hasenleben“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, nach diesem Prinzip organisiert. Eine Kugel wird zum Rollen gebracht, mit ungewissem Ziel. Geschichte „in Ewigkeitsaugenblicken“, wie es an einer Stelle heißt, alles deutlich sichtbar, wie es irgendwo heißt, und doch wird nichts deutlich.

Zwölf Runden mit verschiedenen Figuren spielt der 1975 geborene Steiner durch. Schauplatz ist ein nicht näher präzisiertes Schweizer Dorf, in dem die Zeit stillsteht. „Zwei Wochen bis zu den Sommerferien“, hebt der Roman an, „und noch immer ist nichts passiert. Alles wird an uns vorbeigelotst.“ Wartend hängen Igor, Fred und Manu in Freysingers Garten ab, lassen sich von Schorsch, der behauptet, aus Korsika zu stammen, abwegige Geschichten erzählen und fantasieren eine Entführung zusammen, „weil endlich einmal etwas passieren muss“.

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09.10.2013 12:23

Ein "Geheimbund ohne Mission" spielt Carambole

Doch das Leben macht nicht nur „einen großen Bogen“ um die Gruppe, auch in der Familie der 15-jährigen Renate, die zwischen ihren sprachlosen Eltern wie auf einem anderen Stern existiert, bewegt sich nichts. Vater Edgar emigriert allwöchentlich in den Schuppen und weint tonlos, während die „abgebrochenen Sätze der Mutter irgendwo hängen“, aufgereiht wie die Häuser auf „der Perlenschnur der Dorfstraße“, auf der sich der Dorfstreicher herumtreibt. Auch er wartet, während er sich in der Hirscheneck, der Dorfkneipe, ein Leben erfindet.

Das Dorf dagegen wartet vergeblich auf „den Netten“, der einmal auszog und eine Tenniskarriere gemacht hat; und hinter drei Fernrohren und mehreren Spiegeln sitzt ein Mörder gefangen in seiner Schuld, der tagein, tagaus die Kinder seiner Opfer beobachtet und darauf harrt, dass sie mit ihm abrechnen. Nur Freysinger hat aufgehört zu warten, zumindest auf Marisa, die ihm einmal „den Appetit auf die Welt“ ins Haus brachte. Eines Tages kommt er etwas zu früh aus der Hirscheneck, und es passiert etwas, das keiner mehr ignorieren kann.

Nach der sechsten Runde sind fast alle Steine ins Spiel gebracht, und der Autor legt eine Pause ein für ein philosophisches Hauptstück. Auftritt einer älteren Version der jugendlichen Troika, ein „Geheimbund ohne Mission“, der sich regelmäßig zum Carambole-Spielen trifft. Neben einem ausgemusterten Paläontologen und einem Gärtner für minimalistische Existenz findet sich auch Schorsch wieder, der wie die beiden Zufallfsfreunde Gustavo und Ricardo zu einem mediterranen Giorgio mutiert ist. Es handelt sich um drei Versprengte, mit unterschiedlichen philosophischen Neigungen und dem Wunsch, sich mit der Zeit, die kein Warten mehr für sie bereithält, zu versöhnen. Als Bauchredner ihrer Lieblingshelden glauben sie in einem Stück zu spielen, das von einem Spielleiter bestimmt wird.

"In jedem Kleeblatt steckt der nächste Kuhfladen"

Doch im Unterschied zu den berühmten literarischen Vorgängern, Sartre oder Frisch, die ihre Figuren immer wieder an die Ausgangsschleifen zurückbrachten, bleibt die neue Chance bei Steiner höchstens angedeutet. Er lässt sie in jeder Hinsicht graben, aber weniger in der Vergangenheit als in der Gegenwart des Augenblicks, an den Anfängen, die das Ende bereithalten: „In jedem Kleeblatt steckt schon der nächste Kuhfladen“, fasst Ricardos siebenjähriger Sohn diese Unausweichlichkeit zusammen.

Als Schriftsteller interessieren Steiner die Kleeblätter, also die Anfänge der Geschichten, die er gelegentlich so bildstark ausmalt. Ricardo sinniert über das einmal für ihn bereitgehaltene Leben als „eine Kuchenform, doch ich passte da nicht hinein.“ Und Fred sieht Renate im Bikini auf dem Liegestuhl, „ein pralles Bündel voll geheimer Wünsche“.

Die wechselnden Erzählperspektiven sind nicht immer schlüssig, und manchmal wirken die Figuren aus der Ich-Perspektive ferner als die aus der Distanz erzählten. Wie die nicht zu Ende geführten Sätze, an denen die Dorfbewohner würgen, bleiben auch die zwölf Geschichten letztlich in der Luft hängen. Der Leser muss sie weiterdenken, auch weil „von der Normalität her“ hier „nichts zu verstehen“ ist.

Dass Steiner mit solchen Sätzen die Leseanweisung gleich mitliefert, verweist auch auf eine Unsicherheit des zwischen philosophischer Betrachtung und erzählerischer Begeisterung schwankenden Autors, der seinen eigenen „Volten“ – so der Titel einer Spielrunde – noch nicht ganz vertraut.

Jens Steiner: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden. Dörlemann Verlag, Zürich 2013. 220 Seiten, 19,90 €.

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