Jörg Schönbohm : Wir müssen über die DDR reden - gemeinsam

Die Diskussion über die Nachwirkungen von 40 Jahren DDR ist noch immer ein vermintes Gelände. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass im Osten die Begegnung mit der eigenen Geschichte gescheut wird.

Jörg Schönbohm

Dies machten auch die empörten Reaktionen noch einmal besonders deutlich, nachdem ich in einem Tagesspiegel-Interview die mangelnde Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit kritisiert hatte. Meine Auffassung, dass wir bis heute eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR scheuen würden, provozierte einen Berg von Bürgerbriefen. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass vier Jahrzehnte gegensätzlicher Erfahrungen ihre Spuren hinterlassen haben.

Die Briefe haben aber auch deutlich gemacht, dass sich viele Ostdeutsche als Verlierer der Wende betrachten. Die Erwartungen nach dem Mauerfall waren hoch, die Realität ernüchternd. Viele Ostdeutsche fühlen sich besonders von der Politik im Stich gelassen. Demokratieverdrossenheit macht sich breit. Die Folge ist, dass sich diese Menschen aus der Gesellschaft zurückziehen und die staatliche Ordnung ablehnen. Dies bestätigt nicht zuletzt auch eine aktuelle Forsa-Studie, wonach jeder Neunte in Berlin und Brandenburg die Mauer zurückhaben will.

Einer der Bürger, der seinem Ärger in einem Brief Luft machte, fasste das Gefühl vieler Ostdeutscher in einem Satz zusammen: „Wir DDR-Bürger hatten von der Wiedervereinigung etwas anderes erwartet.“ Ein anderer beklagte sich darüber, dass den ehemaligen DDR-Bürgern 1990 „ein System übergestülpt wurde, welches wir so nicht wollten“. Viele „Ossis“ fühlten sich daher „nicht anerkannt und damit ausgeschlossen“.

Nicht selten ist aus den Briefen aber auch eine Verharmlosung und Verklärung der DDR herauszulesen. So schreibt ein Bürger: „Wir hatten eine straffe Führung, aber es hat funktioniert.“ Eine Frau ist sich sicher: „Das jetzige Regime kann der DDR nicht das Wasser reichen.“ Auch mit den Mauertoten zeigen nur wenige Mitleid. Ein ehemaliger DDR-Bürger rechtfertigte den Schießbefehl: „Man erzählt immer von der innerdeutschen Grenze, es wurden Menschen erschossen. Wir waren ein selbstständiger Staat, mit all seinen Grenzen, die auch jeder andere Staat beschützt und bewacht. Dieses Recht durften wir auch in Anspruch nehmen. Jeder Bürger, der diese Grenze verletzte, musste damit rechnen, sein Leben so oder so zu verlieren.“

Nicht alle, aber viele Ostdeutsche argumentierten in ihren Briefen so. Nicht selten wird die Wiedervereinigung an sich in Frage gestellt: „Eigentlich wollten viele unserer Bürger keinen Zusammenschluss mit Westdeutschland, wir wollten einige neue Gesetze und Reformen. Wir wollten ein eigenständiger Staat DDR bleiben.“ Manche gehen sogar noch weiter: „Wenn es nach uns ginge, bauen wir die immer noch von seitens der BRD bestehende Mauer wieder auf, gründen die DDR wieder, jeder kann machen was er will darin, aber die arroganten Wessis lassen wir draußen.“

Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass im Osten die Begegnung mit der eigenen Geschichte gescheut wird. So besuchten beispielsweise im vergangenen Jahr nicht einmal 6000 Schüler aus den neuen Bundesländern das frühere Stasi- Gefängnis in Hohenschönhausen. Im gleichen Zeitraum kamen jedoch mehr als 71 000 Schüler aus westlichen Bundesländern.

Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die Folgen der Teilung überwunden sind. Dies entbindet uns jedoch nicht von der Verantwortung, uns gemeinsam mit den Erfahrungen der SED-Diktatur zu befassen. Noch wirken die Erfahrungen, Ungerechtigkeiten, Verklärungen, Beeinträchtigungen, Benachteiligungen fort, ohne dass darüber offen gesprochen wird. Man möchte sich verständlicherweise der Zukunft zuwenden und die Vergangenheit vergessen – aber das wird nicht auf Dauer gehen, wie unsere Geschichte zeigt.

Wir, die Bürger mit unseren unterschiedlichen Entwicklungen und Lebenserfahrungen in unserem endlich wieder geeinten Vaterland brauchen gemeinsam den Mut und das Bekenntnis zu einer Verantwortung für die Geschichte und die Zukunft unseres Landes. Wir sind jetzt eine Nation und ein Volk in einem demokratischen Rechtsstaat. Dieses Glück in unserer Geschichte verpflichtet uns, uns unserer getrennten Vergangenheit zu stellen, um unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Wir werden erst dann als Volk unsere Zukunft gemeinsam gestalten können, wenn wir unsere gemeinsame und getrennte Vergangenheit kennen, begreifen und darüber sprechen – ohne gegenseitige Schuldzuweisung.

Jörg Schönbohm (CDU) ist Innenminister von Brandenburg.

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