Der Tagesspiegel : Josef Paul Kleihues

Geb. 1933

Kirsten Wenzel

Berlin, die arme Stadt, wurde seine Passion. Er war ihr liebevoller und auch strenger Reparateur. Wie ein Ozeandampfer aus dunklem Backstein ragt sein Büro in die Spree. Die umgebaute Müllverladestation in Charlottenburg war sein Domizil, nach allen Regeln der Architektenkunst rekonstruiert. Berühmt wurde er als junger Mann mit dem Umbau der Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung. Und noch als gefeierter Baumeister des Chicagoer Museums für Zeitgenössische Kunst entwarf er die Toilettenhäuschen, Kioske und Poller für den Boulevard Unter den Linden. Alltägliche Orte hatten es ihm, der auch ein großer Kunstsammler war, angetan: die unspektakulären Rückseiten der Stadt. Berlin, die Stadt, die, wie er betonte, immer sehr arm war, wurde seine Passion – und er ihr ein liebevoller aber auch strenger Reparateur.

Mittags um eins fuhr er mit seinem Sohn in die Paris Bar zum Lunch. Seit seinen Studententagen an der Technischen Universität aß er hier: Plat du jour, am liebsten Chicoreesalat und dazu ein Glas Bordeaux. Vorausgesetzt er war in Berlin – der internationale Architekturstar lebte einen Teil seiner Woche im Flugzeug. Oder er war in seinem Büro in Westfalen, in seiner Heimat. Eine alte Wasserburg mit Obstplantage und Teich hatte er sich dort umgebaut, in der Zeit, als er Professor an der Universität Dortmund war.

Vielleicht konnte er gerade aus der Distanz, vom Kleinstädtchen Rorup auf dem flachen Land, die historische Vielschichtigkeit Berlins besonders deutlich erkennen. Sein Leben lang leitete ihn die Überzeugung, dass jede Stadt ihre eigene Atmosphäre hat, einen genius loci, den es zu erspüren gilt, ein Regelwerk und einen historischen Stadtgrundriss, dem sich der Architekt auch mit Bescheidenheit zu beugen habe.

Als Kritiker der historischen Blindheit des Nachkriegsfunktionalismus trat er an: gegen Stadtautobahnen, Trabantenstädte, die gesichtslosen Innenstädte Westdeutschlands – und setzte als Leiter der „Internationalen Bauausstellung Berlin“ bald sehr erfolgreich sein städtebauliches Prinzip der „kritischen Rekonstruktion“ in Berlin durch: Ziel war ein reflektierter Wiederaufbau der vom Krieg gezeichneten Stadt, die Rückgewinnung historischer Straßen und Räume, die Erfüllung der wiedererwachenden Sehnsucht nach dem „Häusermeer“ (Wolf Jobst Siedler), nach konzentrierter Urbanität, Alleen und Marktplätzen.

Er war in den letzten Jahrzehnten die selbstverständliche und auch kritisierte Leitfigur des Bauens in Berlin. Kleihues setzte durch, dass die Liga der internationalen Stars von Aldo Rossi über Zaha Hadid und Oswald Matthias Ungers bis hin zu Otto Steidle und Alvaro Siza sich in der Friedrichstadt dem Raster des historischen Stadtplans aus dem 18. Jahrhundert unterwarf und dennoch moderne Architektur der verschiedensten Spielarten schuf. Auch das Jüdische Museum von Libeskind entstand dank seiner Fürsprache – obwohl er selbst mit dieser expressionistischen Architektur wenig zu tun hatte.

Als sein Sohn sagte: Auch ich will Architekt werden, war Paul Josef Kleihues strikt dagegen. Als der Sohn darauf beharrte, sagte er: Dann leg dir zumindest einen anderen Namen zu, meiner wird dich erdrücken. Der Sohn sagte: Papa, ich schaff das schon. Damit war die Sache erledigt.

Später hatten sie zusammen ein Büro, teilten sich, wie Kleihues senior es nannte „die Infrastruktur“, und jeder machte seine eigenen Pläne. Natürlich wollte der Vater auch wissen, was sein Sohn da zusammenzeichnet. Aber er hätte, sagt der Sohn, niemals gesagt: Das da geht mir so nicht raus, nicht unter meinem Namen. So selbstverständlich war ihm das preußische Toleranzprinzip.

Am liebsten hörte er Bach, in Momenten der Ruhe schrieb er heitere Gedichte – auch eines über seine Müllverladestation. Wenn er einem Besucher aus dem Ausland sein schönstes Stück Berlin zeigen wollte, führte er ihn zu dem Kasino des verehrten Schinkel an der Glienicker Brücke. Oder sie fuhren einfach überall herum. Die Stadt – für ihn ein Gesamtkunstwerk.

Bis er Parkinson bekam, war er sicher, 100 Jahre alt zu werden. Sogar sein Arbeitspensum hatte er entsprechend geplant, zum Arzt wollte er nicht gehen. Er war ja niemals krank gewesen. Er konnte sehr bestimmend sein und mit energischer Stimme „so nicht“ sagen. Manche hielten ihn deshalb für streng, für unflexibel, für einen westfälischen Dickkopf. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Er konnte lernen vom Leben, und das sehr schnell. Bevor er seinen Rollstuhl bekam, sagte er: Damit gehe ich nicht vor die Tür. Niemals! Nach zwei Tagen war er mit dem neuen Gefährt unterwegs. Josef Paul Kleihues starb am 13. August.

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