Jüdische Gemeinde in Frankfurt : Begräbnis nach alter Tradition

Die jüdische Gemeinde in Frankfurt hat endlich ein Grundstück für einen eigenen Friedhof gefunden. Eine Ausstellung zeigt ihre vielfältige 600-jährige Geschichte, die 1943 jäh unterbrochen und vor zehn Jahren wieder aufgenommen wurde.

Andreas Wilhelm

Frankfurt (Oder)Es war der 22. Juni 1943, als die „Frankfurter Oderzeitung“ vermeldete, der Regierungsbezirk sei „judenfrei“. So steht es auf einer der großen Tafeln, die im Gebetsraum der jüdischen Gemeinde der Oderstadt aufgehängt sind. Borys Towbyn und Yosyp Vaysblat reden nicht viel, wenn sie durch das Haus ihrer Gemeinde führen. Aber man merkt dem religiösen Leiter Towbyn und dem Verantwortlichen für die Ausstellung, Vaysblat, den Stolz auf das an, was sie zustandegebracht haben: die Ausstellung der 600-jährigen Gemeindegeschichte, aber auch den feierlichen Gebetsraum in einer Jugendstilvilla im Frankfurter Zentrum, wo jetzt wieder eine eigene Thora-Rolle ruht.

Seit zehn Jahren gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Frankfurt. 220 Mitglieder hat sie mittlerweile. Fast alle sind aus Russland oder der Ukraine. Die Älteren sprechen kaum Deutsch. Man fühle sich trotzdem gut integriert, sagt Vaysblat. Eine der wichtigsten Dinge fehlte allerdings: eine Begräbnisstätte. Der Friedhof, auf dem die Frankfurter Juden jahrhundertelang ihre Toten begruben, liegt heute in einem anderen Land. Seit Kriegsende verläuft die Grenze quer durch die Stadt. Der alte jüdische Friedhof im heute polnischen Slubice ist eine Gedenkstätte.

In Frankfurt hat die jüdische Gemeinde nun ein Grundstück von der Stadt gekauft, wo die Toten so begraben werden können, wie es ihre Tradition verlangt. 16 Gemeindemitglieder seien in den vergangenen Jahren verstorben, sagt Borys Towbyn. Einige wurden in Berlin beerdigt oder in Potsdam auf dem jüdischen Friedhof. Andere wurden zur Bestattung sogar bis ins russische Sankt Petersburg oder ins ukrainische Dnepropetrowsk gebracht. Aber es gebe auch Familien, die sich solch einen Aufwand nicht leisten können, sagt Towbyn: „Deren Tote liegen auf einem staatlichen Friedhof – das ist bitter und entspricht nicht der Tradition, aber es blieb keine Wahl.“

Im Jahr 2002 bat die jüdische Gemeinde die Stadt, bei der Suche nach einer geeigneten Anlage zu helfen. Die ersten Anläufe scheiterten, erzählt Towbyn. Ein Grundstück war zu weit weg – unzumutbar für ältere Angehörige. Ein anderes Stück Land hätte neben einer Diskothek gelegen. Und zu einer weiteren Liegenschaft gab es nur einen Zugang über den bestehenden christlichen Friedhof. Rabbiner Nachum Presman aus Potsdam habe das aber nicht erlaubt. Grund: Bei einer jüdischen Beerdigung dürfe man nicht an Kreuzen vorbeilaufen.

Mit dem Erwerb des geeigneten Grundstückes sind die Frankfurter Juden noch nicht am Ziel. Die verwilderte Anlage muss gestaltet werden, Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen müssen gelegt, Wege gebaut werden. Alles in allem wird das 156 000 Euro kosten, wie der Gemeindevorsitzende Volodymyr Levyts kyy ausgerechnet hat. Wo das Geld herkommen soll, sei noch nicht klar. Die Gemeinde will das Kulturministerium um Hilfe bitten. Dort ist das Anliegen bekannt, sagt Ministeriumssprecher Holger Drews, der darauf hinweist, dass laut Staatsvertrag 200 000 Euro jährlich aus dem Landeshaushalt an die jüdische Landesgemeinde fließen. Diese verteile dann das Geld an die Ortsgemeinden. Im Moment, sagt Drews, sei man mit der Stadt Frankfurt im Gespräch, wer welche Leistungen bei der Fertigstellung des Friedhofs übernehmen wird. 2011, so die Hoffnung der jüdischen Gemeinde, soll er dann genutzt werden können.

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