Der Tagesspiegel : Jugend: Tschüss - auf Nimmerwiedersehen

Claus-Dieter Steyer

Bei jeder Autofahrt durchs abendliche Brandenburg fallen sie in den Dörfern und Kleinstädten auf: Die Jugendlichen an den Bushaltestellen. 14 bis 20 Jahre alt mögen sie sein, die da miteinander quatschen, flirten, rauchen, trinken und streiten. Im schwachen Licht der Straßenlampen oder Reklameleuchten entsteht mitunter ein recht unheimlich wirkendes Bild. Es wird in einigen Jahren nur noch selten ins Blickfeld rücken oder ganz verschwunden sein.

Zwar gibt es dann mit Sicherheit auch nicht mehr Jugendklubs, Diskos oder Projekte zur Selbstverwirklichung. Nein, die Jugendlichen selbst haben sich aus dem Staub gemacht, abgesehen vielleicht vom unmittelbaren Berliner Umland. Einzig die nahe Großstadt mit ihren Arbeits- und Freizeitangeboten verhindert hier das Weglaufen der Jugend. 40 bis 60 Prozent aller jungen Leute zwischen 18 und 25 Jahren wollen das Land verlassen. Das ist eine der betrüblichen Aussagen in der Studie des Sozialministeriums über die junge Generation. Arbeitslosigkeit, begrenzte Ausbildungschancen, Perspektivlosigkeit zwingen Schulabgänger, Berufsanfänger oder Studenten zum "Go west".

Die üblichen Beschwichtigungen der Politik, wonach die Abwanderung nur ein Ausdruck der Mobilität sei, sind mit der Studie kaum noch haltbar. Denn die Folgen sind dramatisch. Im Jahre 2015 leben nur noch halb so viele Jugendliche in Brandenburg wie heute. Aus 327 000 werden 172 000. Im ländlichen Raum fällt die Zahl gar auf ein Drittel des heutigen Niveaus. Vier Erwachsene stehen in der Statistik am Ende des Jahrzehnts einem Kind beziehungsweise einem Jugendlichen gegenüber. 1990 lag das Verhältnis noch bei 3 : 1.

Ein unheilvoller Kreislauf setzt ein. Ein Abwanderer zieht den anderen nach, das Leben in der Heimat wird unattraktiv. In den Gemeindekassen fehlen die Steuereinnahmen, die Infrastruktur fällt zurück. Vor allem aber kommen die Abwanderer nie wieder zurück. Sie sagen Tschüss für immer.

Die Landesregierung ist mit dieser Entwicklung überfordert. Sie könnte mehr für die jungen Leute leisten. Der Verband der Landjugend beklagte erst vor einigen Tagen eine erneute Kürzung der finanziellen Unterstützung allein durch die Umrechnung von DM in Euro. In einigen Gebieten verhindern ziemlich rigoros vorgehende Naturschützer den Wohnungsbau für junge Einwohner. Und in den Ausgaben für Universitäten nimmt das Land nach wie vor den letzten Platz ein. Auch bei zukunftsträchtigen Vorhaben wie der Chipfabrik in Frankfurt (Oder) könnte das Engagement des ganzen Landtags noch größer sein. Brandenburg verändert sich. Wenn die Jugend so massenhaft geht, kann das nicht gut sein. Hoffentlich verwaisen die Bushaltestellen in den abendlichen Straßen nicht zu schnell.

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