Der Tagesspiegel : Jugend wohnt im einstigen KZ

Villa in Sachsenhausen ist jetzt zur Herberge umgebaut

Claus-Dieter Steyer

Oranienburg - Der Chef aller Konzentrationslager des Nazi-Regimes wohnte hier, später Teile der Roten Armee, der Kasernierten Volkspolizei und Mitglieder der Nationalen Volksarmee – und schließlich ist aus dem Gebäude eine Jugendherberge geworden: Am Rande von Oranienburg spiegelt sich auf besondere Weise deutsche Geschichte wider. Das bisher als Villa Eicke bekannte Gebäude wird heute als Internationale Jugendbegegnungsstätte eröffnet.

Benannt ist sie nach dem ehemaligen Häftling Andrzej Szczypiorski. Der im Jahre 2000 verstorbene polnische Schriftsteller, dessen bekanntestes Werk „Die schöne Frau Seidemann“ Ende der achtziger Jahre lange Zeit auf den deutschen Bestsellerlisten stand, hatte sich für die deutsch-polnische Verständigung eingesetzt. Ihm ist auch eine Ausstellung in dem dreistöckigen Haus gewidmet.

In den Zimmern finden 32 Personen Platz. Vor allem Jugendgruppen sollen sich hier mit der wechselhaften Entwicklung des Lagers im Ortsteil Sachsenhausen beschäftigen. Das „Lernen am authentischen Ort“ betrachtet Gedenkstättenleiter Günter Morsch als große Chance. Die Aufenthalte dauern durchschnittlich zwei bis fünf Tage. In der Zeit könnten die Jugendlichen Seminare zu aktuellen Themen wie Toleranz, Rechtsextremismus oder Menschenrechte buchen. Die Referenten kämen von Gewerkschaften, Parteien oder Kirchen.

Auch Freizeitmöglichkeiten seien ausreichend vorhanden, sagt Morsch. Der in einem separaten Gebäude untergebrachte ehemalige Schießstand des KZ-Inspekteurs und der NVA wurde beispielsweise zum Freizeithaus umgebaut. Davor entstehen in den nächsten Tagen noch ein Fußball- und ein Volleyballplatz.

Bereits 1997 gründeten mehrere Organisatoren einen Initiativkreis. Jugendliche aus mehreren Ländern werkelten am Haus und übernachteten hier. Doch erst im September vergangenen Jahres begann die große Umgestaltung. Der Landesverband Berlin-Brandenburg des Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) hatte die Regie übernommen. „Dieses Gebäude ist ausschließlich für Gruppen und nicht für Rucksacktouristen gedacht“, sagt der Verbandspräsident Alexander Fritzke. Auch müssten sich die Gäste hier selbst versorgen und in der Küche ihr Essen allein zubereiten.

Der Umbau der unter Denkmalschutz stehenden Villa zur Jugendherberge kostete 1,25 Millionen Euro. Diese Summe brachten Bund und Land gemeinsam auf. Im Innern haben sich Wandtäfelungen, Deckenbalken, Parkett und Türen aus der Bauzeit 1938/39 erhalten. Häftlinge des KZ mussten die „Dienstwohnung mit Empfangsräumen“ errichten. Heute ist sie ein Stück Geschichte – zum Begreifen.

Auskünfte unter Telefon 03301/200 200 oder 0331/5813 335 (Deutsches Jugendherbergswerk) und unter www.ijbs-sachsenhausen.de sowie unter www.djh-berlin-brandenburg.de. Die offizielle Eröffnung beginnt am Sonntag ab 14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben