Justiz-Erklärung : Russland: Politkowskaja-Mord gelöst - es war der Westen

Die russische Justiz hat ihre Ermittlungen zum Politkowskaja-Mord abgeschlossen und kann auf zehn Verdächtige verweisen, die nun angeklagt werden sollen. Ein Motiv hätten aber allein "destruktive Kräfte" im Westen, die einen "Umsturz" in Russland herbeiführen wollten.

MoskauDie russische Justiz hat tschetschenische Kriminelle sowie im Ausland lebende "Staatsfeinde" für den Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja verantwortlich gemacht. Organisator der Tat vom Oktober 2006 sei der Anführer einer tschetschenischen Gruppierung, die sich in Moskau auf kriminelle Geschäfte und Auftragsmorde spezialisiert habe. Das sagte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Bislang seien zehn Verdächtige festgenommen worden. Ein Motiv für den Mord an der Kremlkritikerin hätten allein "destruktive Kräfte" im Westen, deren Ziel ein "Umsturz" in Russland sei. Der Mord an Politkowskaja hatte weltweit Bestürzung ausgelöst.

Unter den Verhafteten seien auch Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und des Innenministeriums, die die Auftragsmörder mit Informationen über das Opfer versorgt hätten, sagte Tschaika. In Kürze werde Anklage gegen die Verdächtigen erhoben. In Untersuchungshaft säßen Organisatoren, Helfer und Mörder. Die Auftraggeber allerdings hielten sich im Ausland auf, sagte der Generalstaatsanwalt. Russische Medien äußerten die Überzeugung, dass die Anschuldigungen gegen den im Londoner Exil lebenden Kremlkritiker Boris Beresowski gerichtet seien.

Hintermänner hätten Russland demütigen wollen

Nach Darstellung von Tschaika konnten "nur Personen außerhalb Russlands ein Interesse an der Beseitigung von Anna Politkowskaja haben". Ziel dieser Menschen sei es gewesen, Russland zu destabilisieren, "eine Krise heraufzubeschwören und zum alten System zurückkehren, als alles vom Geld und von den Oligarchen entschieden wurde", sagte Tschaika mit Blick auf die 1990er Jahre. Die Hintermänner hätten die russische Führung demütigen und von ihrem Kurs abbringen wollen.

Politkowskaja habe die Auftraggeber des Mordes gekannt und getroffen, sagte Tschaika. Vor den Ermittlern liege noch viel Arbeit. Der Generalstaatsanwalt schloss nicht aus, dass Russland eine Auslieferung der mutmaßlichen Drahtzieher fordern werde. Auch der tschetschenische Bandenchef, der die Ermordung Politikowskajas organisiert haben soll, hält sich nach russischen Medienberichten im Ausland auf.

Chefredakteur: Ermittlungsergebnisse "überzeugend"

Die oppositionsnahe Mitarbeiterin der Zeitung "Nowaja Gaseta" und Menschenrechtlerin war am 7. Oktober 2006 vor ihrer Moskauer Wohnung hinterrücks erschossen worden. Der Chefredakteur der Zeitung, Dmitri Muratow, wurde von den Agenturen mit den Worten zitiert, die Ermittlungsergebnisse seien "absolut überzeugend und professionell".

Politkowskaja hatte vor allem während des Tschetschenienkriegs über Menschenrechtsverletzungen durch russische und tschetschenische Sicherheitskräfte berichtet. Mit ihren bissigen Kommentaren machte sie sich bei russischen Sicherheitskräften wie tschetschenischen Politikern Feinde. Ihre Recherchen hatten zu mehreren Anklagen gegen Offiziere geführt. Politikowskaja zählte aber auch zu den schärfsten Kritikern der Politik von Präsident Wladimir Putin. (mit dpa)