Kahn-Querelen : Pulverfass FC Bayern

Der angestaute Druck entlädt sich an einer Nichtigkeit: Torwart Oliver Kahn steht nach seinen Äußerungen über die Teamkollegen Toni und Ribéry im Kreuzfeuer. Am Abend wurde auch Franz Beckenbauer deutlich.

Claus Bergmann,Christian Kunz[dpa]
Kahn
Wenn Anregungen aufregen. Oliver Kahns Ratschläge gingen Ottmar Hitzfeld ein wenig zu weit. -Foto: dpa

MünchenPaukenschlag beim FC Bayern München: Trainer Ottmar Hitzfeld hat beim Bundesliga-Spitzenreiter mit der Suspendierung von Kapitän Oliver Kahn für das entscheidende Spiel um die Herbstmeisterschaft am Samstag bei Hertha BSC hart durchgegriffen. Der Torhüter sei aus "disziplinarischen Gründen" aus dem Kader gestrichen worden, teilte der deutsche Rekordmeister in einer nur fünfzeiligen Presseerklärung mit. Außerdem habe Hitzfeld eine Geldstrafe in Höhe von 25.000 Euro verhängt. "Die Gründe hierfür wurden intern geklärt", hieß es lapidar.

Deutlicher wurde Franz Beckenbauer: Der "Kaiser" nannte Kahns vorzeitigen Abschied von der Bayern-Weihnachtsfeier nach dem dürftigen 0:0 gegen den MSV Duisburg als Grund für die Strafmaßnahme. Bereits um 21 Uhr habe der Torwart das Fest verlassen. "Das ist ein Punkt, an dem die Mannschaft zusammenfindet. Da kann er als Kapitän nicht aufstehen und die Feier frühzeitig verlassen", sagte der Vereinspräsident als "Premiere"-Experte vor den Champions-League-Spielen am Abend. Kahns Vorgehen nannte Beckenbauer eine "Disziplinlosigkeit". "Das gibt ein schlechtes Bild ab, und das weiß er auch."

"Disziplin ist das oberste Gebot"

Kahn reagierte recht kleinlaut, als er sich am Nachmittag auf dem Bayern-Vereinsgelände zu der drakonischen Bestrafung äußerte und anschließend mit mürrischer Miene an der zweiten Übungseinheit des Tages teilnahm. "Ich war nicht mehr ganz so überrascht, weil jetzt doch das eine oder andere öffentlich passiert ist. Ich verstehe das. Man möchte jetzt Ruhe haben im Verein", sagte der Torhüter, dem Hitzfeld und Manager Uli Hoeneß die Suspendierung mitgeteilt hatten: "Disziplin ist das oberste Gebot. Es ist alles besprochen, ich habe das akzeptiert", kommentierte Kahn.

Nach seinem zeitigen Verlassen der Weihnachts-Party hatte Kahn auch noch Äußerungen über Kollegen gemacht und in einem Interview mit dem "kicker" indirekt seine Mannschaftskollegen Franck Ribéry und Luca Toni kritisiert. "Da muss sich der ein oder andere noch zurechtfinden, dass hier zwei, drei gute Spiele nicht reichen. Bayern ist nicht Marseille oder Florenz, sondern wie Milan, Real, Barca, ManU", hatte der Torwart gesagt. Mittelfeldstar Ribéry war im Sommer von Olympique Marseille nach München gewechselt, Weltmeister Toni kam vom AC Florenz. "Ich habe das alles ja gar nicht so negativ gemeint. Ich wollte nur dem einen oder anderen Anregung geben", sagte Kahn nun und kündigte an: "Ich werde mich in Zukunft mit öffentlichen Äußerungen auch mehr zurückhalten." Laut Beckenbauer war das Interview kein Grund für die Suspendierung.

Rensing gegen Hertha

Die Weihnachtsfeier-Variante als Erklärung hatte Kahn selbst zurückgewiesen. "Damit hängt es sicherlich nicht zusammen", sagte Kahn, der in der Vergangenheit sogar schon einmal eine Meisterfeier verpasst hatte. Kahn geht davon aus, dass die Suspendierung für ihn in seiner letzten Profi-Saison keine weiteren Folgen haben wird. "Es geht nur um das eine Spiel", betonte er. Der Stammkeeper rechnet damit, dass ihn Michael Rensing nur gegen Hertha vertreten wird und er in der kommenden Woche im Uefa-Cup-Heimspiel gegen Aris Saloniki wieder im Tor stehen wird. "Ich bereite mich voll auf Saloniki vor. Das ist alles mit dem Trainer abgesprochen."

Hitzfeld, der sich nicht öffentlich äußern mochte, hatte die Mannschaft am Vormittag von der Suspendierung Kahns unterrichtet, wie Nationalspieler Philipp Lahm berichtete. "Der Trainer hat uns das mitgeteilt. Das ist in der Kabine zustande gekommen, deshalb werde ich es nicht nach außen tragen", sagte Lahm.

"Sie müssen ja nur Spiele gewinnen"

Der "Fall Kahn" lässt den FC Bayern vor dem Hinrunden-Finale trotz Tabellenführung zum Pulverfass werden. "Wir sind in einer kritischen Phase", bestätigte Lahm. Pikant am Rande ist, dass Beckenbauer Trainer Hitzfeld erst am Dienstag indirekt zum Handeln aufgefordert hatte. Die Mannschaft benötige "einen ordentlichen Weckruf", äußerte der Vereinspräsident in seiner "Bild"-Kolumne. "Der Trott der vergangenen Spiele darf nicht zur Gewohnheit werden", warnte Beckenbauer zugleich, wobei er den Dauerläufer Ribéry ausdrücklich vor Kritik in Schutz nahm.

Den Einwand von Kahn, dass der FC Bayern nach den Rekordinvestitionen von fast 70 Millionen Euro in neue Spieler unter dem in dieser Saison aufgebürdeten Erfolgsdruck fast "platzt", teilt Beckenbauer nicht. Die Titel-Erwartungen dürften kein Problem darstellen: "Das müssen die Profis beim FC Bayern verkraften. Wo kriegen sie Druck? Sie müssen ja nur die Spiele gewinnen..."