Der Tagesspiegel : Kanzlerbesuch: Stippvisite in der Platte

Claus-Dieter Steyer

So sieht also "eine der größten ostdeutschen Problemregionen" aus: bunte Eigenheimsiedlungen bestimmen die Stadtgrenzen, das Einkaufszentrum Oder-Center ist schon am Morgen gut gefüllt, am Horizont brennt eine Erdgasflamme der Raffinerie PCK, das kommunale Theater präsentiert einen erstaunlich bunten Spielplan, Lastwagen von zwei großen Papierfabriken donnern durch die breiten Straßen, aus Bussen steigen Touristen für eine Tour durch den nahen Nationalpark Unteres Odertal.

Nein, zumindest auf den ersten Blick machte die Stadt Schwedt im Brandenburger Nordosten beim gestrigen Kanzlerbesuch einen überaus freundlichen Eindruck. Von einer "großen Problemregion", wie es aus dem Autoradio beim Passieren des Ortseingangsschildes zu hören war, konnte kaum die Rede sein. Der strahlende Sonnenschein verstärkte noch das äußerlich schöne Bild für den Gast.

Doch hinter den Kulissen sieht es offenbar auch in Schwedt ganz anders aus. Genau deshalb waren wohl der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel und Bürgermeister Peter Schauer auf die Idee gekommen, ihren Parteifreund Gerhard Schröder zu einem Besuch einzuladen. Während seiner Sommertour durch den Osten hatte dieser noch einen großen Bogen um diesen Zipfel an der deutschen Ostgrenze gemacht. Mehr als die Prignitz mit ihrer fast deindustrialisierten Stadt Wittenberge sowie der nicht weniger schwierigen Lausitzer Braunkohleregion wollten die Brandenburger Reiseplaner dem Kanzler damals offenbar nicht zumuten.

Auch die Absprache für den Abstecher in die Uckermark am gestrigen Dienstag deutete auf viel Rücksichtnahme hin: Zuerst ein kräftiges Mittagessen mit Aal aus der Oder und Bratkartoffeln als Hauptgericht in einer zum Restaurant umfunktionierten früheren Pumpstation, erst danach das ausführliche Gespräch mit Bürgermeistern aus der Region. Schwedts Stadtoberhaupt nahm kein Blatt vor den Mund. "Im Osten stehen eine Million Wohnungen leer. Das gibt es auf der Welt wahrscheinlich kein zweites Mal", meinte Schauer. Die Städte allein seien mit diesem Problem überfordert, sagte er mit einem hoffnungsvollen Blick zu Schröder.

Das Schicksal von Schwedt stehe für viele ostdeutsche Orte. 1960 zählte der Ort ganze 8000 Einwohner. Durch die Großbetriebe wuchs die Zahl auf 52 000 Menschen, die aus der ganzen DDR wegen der Arbeit und wegen der vielen neuen Wohnungen in die Uckermark zogen. Seit 1990 kehrten allerdings rund 12 000 Einwohner ihrer Heimatstadt auf der Suche nach Arbeit endgültig den Rücken. In der Stadt pendelt die Arbeitslosenquote um die 22 Prozent.

"Nun stehen etwa 3000 Plattenwohnungen leer", erklärt der Bürgermeister dem Kanzler an einem Stadtmodell. "Nicht die Plattenwohnungen an sich sind unser Problem, sondern eher die große Masse." 750 Wohnungen seien schon abgerissen worden, "um gar nicht erst Slums entstehen zu lassen". Auch Plattensiedlungen seien lebenswert zu gestalten. "Nur dafür brauchen die Städte Geld vom Bund, zuerst die Befreiung ihrer Wohnungsunternehmen von Altschulden", forderte Peter Schauer. Der Kanzler zeigte sich beim Blick auf den Stadtplan sichtlich überrascht von den Dimensionen der vorwiegend aus Plattenbauten bestehenden Stadt. "So intensiv habe ich mich damit noch gar nicht befasst", räumte er ein. "Aber dafür sind wir ja hier."

Am Abend, so kündigte er an, wollte er mit dem Ost-Beauftragten Wolfgang Schwanitz und anderen Experten, ein Hilfsprogramm beraten. Beim Spaziergang zu einer Familie in einem renovierten Plattenbau zeigte sich eine andere Wirklichkeit der Stadt. Die rechtsgerichtete "Schwedter Kameradschaft" und eine linksradikale Gruppierung skandierten gleichermaßen "Heuchler" und pfiffen in Richtung Kanzler. Von zwei Balkonen eines zum Abbruch freigegeben "Elfgeschossers" winkten Mieter mit zwei beschrifteten Bettlaken: "Wir wollen bleiben" und "Engels 1 erhalten" forderten sie. "So schlecht sind doch die Wohnungen gar nicht", erklärte eine Frau aus der zweiten Etage. "Wir haben damit keine Sorgen." Ein Abriss wäre "völliger Quatsch". Noch in diesem Jahr sollen die Bagger aber anrücken. Grüne Wiese soll den Plattenbau ersetzen.

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