Kanzlerkandidat in Potsdam : Steinbrück bezeichnet Berlusconi als "Clown"

Zum Auftakt seiner Länderreise in Potsdam holt Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zum Rundumschlag aus: Er wettert gegen Ausnahmen bei der Mehrwertsteuer, ereifert sich über den Pferdefleisch-Skandal und macht deutlich, wie wenig er von Silvio Berlusconi hält.

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Steinbrück holt in Potsdam zum Rundumschlag aus.
Steinbrück holt in Potsdam zum Rundumschlag aus.Foto: dpa

Erwischt. Er ertappt sein Publikum, provoziert es, unterhält es, erteilt dosierte Lektionen. So wie eben, als er von den gut 150 Zuhörern im Saal den ersten richtigen Beifall einheimst. Dabei hat Peer Steinbrück nur gesagt, dass es mit ihm weniger Mehrwertsteuer-Privilegien geben würde, keine für Hotels, die vom Geschenk der schwarz-gelben Bundesregierung profitieren. „Merken Sie etwa, dass Sie seitdem weniger für Übernachtungen bezahlen? Na also!“ Und was tut dieser Mensch nun, offensichtlich mit Heidenvergnügen? „Vorsicht an alle, die jetzt klatschen!“, sagt er. „Mir gibt es schon jetzt zu viele Ausnahmen.“ Er zählt auf, was ihm da alles so ein Dorn im Auge sei, nämlich nicht nur die irrwitzigen Ermäßigungen für Picasso-Bilder, ja, das gebe es, sondern auch ermäßigte Mehrwertsteuersätze „für Hunde- und Katzenfutter oder für Schnittblumen“. Als er die Lacher auf seiner Seite hat, setzt er die Botschaft, die er setzen will. Ein Kanzler Steinbrück würde es also bei wenigen Ausnahmen bewenden lassen: „Lebensmittel, Nahverkehr, Mieten, Kultur.“ Punkt, weiter.
Es ist ein unterhaltsamer Abend im Kongresshotel, eine Premiere. Die SPD hat zu „Klartext mit Peer Steinbrück“ geladen, mit dem SPD-Herausforder, der Angela Merkel als Bundeskanzlerin ablösen will, wonach es freilich ein Dreivierteljahr vor der Wahl nicht gerade aussieht. Selbst im „roten“ Brandenburg, wo die SPD gegen den Bundestrend klar vorn liegt, würden nach einer Umfrage vom Januar 51 Prozent Merkel wählen, nur 22 Prozent Steinbrück. Bundesweit sieht es noch dramatischer aus. Genau deshalb soll Steinbrücks Länderreise, die in Potsdam beginnt und ihn bis Mitte Mai durch alle sechzehn Bundesländer führen wird, die Trendwende bringen. Und die eigenen Genossen mitreißen, damit dort das Grummeln um den verpatzten Start um seine Beraterhonorare und den Ruf nach höheren Politikergehältern endgültig erstickt. Deshalb wird wie in Potsdam bei jeder Station nach amerikanischem Vorbild zu einer „Townhall-Veranstaltung“ geladen, bei der er „Repräsentanten der regionalen Zivilgesellschaft“ trifft, wie es heißt.

Und täglich grüßt das Fettnäpfchen
...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf geborgte Konzept gerät schnell zur Farce: Der Sozialdemokrat ist zu Gast bei der Familie einer SPD-Genossin.Weitere Bilder anzeigen
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28.02.2013 11:32...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf...

Nun ja, beim Auftakt war die selbst für brandenburgische Verhältnisse arg sozialdemokratisch dominiert. Bis auf wenige Ausnahmen, hier ein Polizeipräsident, da ein paar Gewerkschafter und Kulturleute, wäre die Veranstaltung glatt als SPD-Konferenz durchgegangen. Man ist eher unter sich. Es dauert ein paar Minuten, bis das Eis bricht. Obwohl oder weil Steinbrück tatsächlich als Belohnung „Rheumadecken“ für die ersten drei Frager verspricht? Die erste kommt von Andreas Schuster, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), zur Rente mit 67, die aber auch Steinbrück nicht abschaffen will. Nur abmildern. Und Tacheles kann er wirklich reden, wie er bei der Blitz-Tour durch die Themen zelebriert. Eurokrise, Griechenland, Spanien? „Lassen Sie sich nicht einreden, dass Deutschland nicht haftet. Wir sind eine Haftungs- und eine Transfergemeinschaft. Deshalb darf es nicht schiefgehen.“ Italien-Wahl? „Zwei Clowns haben gewonnen.“ Pferdefleischskandal? Es sei eine Sauerei, nicht wegen des Pferdefleisches, sondern wegen der falschen Etiketten. Er rate dennoch zu Gelassenheit. „In Deutschland nimmt die Lebenserwartung merkwürdigerweise im Gegensatz zum Vergiftungsgrad seit Jahren zu.“ Solidarpakt mit Ostdeutschland? „Der Vertrag bis 2019 gilt. Aber es gibt im Westen Kommunen wie Duisburg, die zahlen das Geld für den Osten aus Kassenkrediten.“ Ab 2019 müsse es daher ein System geben, was nicht nach Ost-West, oder Nord-Süd, sondern nach Bedürftigkeit gehe.

Nach den zwei Stunden sind die Genossen und Sympathisanten – neugierig alle, mancher mit Zweifeln gekommen – zufrieden mit ihrem Kandidaten, den Landeschef Matthias Platzeck als Querdenker angekündigt hatte, der „gerade redet“, was „ihm oft nützt, aber nicht immer“. Wie er es selbst fand? „Super“, sagte Steinbrück da.

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