Der Tagesspiegel : Kapitäne zum See

Wer sich ein Hausboot leiht, braucht keinen Schiffsführerschein – und kann die ganze WG mitnehmen

Jeannette Krauth

Fürstenberg - Der Hund kommt mit und das zweijährige Kind, die beiden Musiker und die vierköpfige Wohngemeinschaft und noch drei Freunde. Alle ziehen übers Wochenende auf ein Hausboot namens „Fürstenberg“, das weiß und chic ist wie eine Jacht und eine hochgebogene Nase hat wie ein französischer Kahn.

Die „Fürstenberg“ findet man in Fürstenberg an der nordbrandenburgischen Seenplatte, eine gute Stunde von Berlin entfernt. Hier hat man noch Vertrauen in die Menschheit: Zehn Landratten werden ohne Bootsführerschein auf das 15 Meter lange Schiff losgelassen. Lediglich ein Schnellkurs von zwei Stunden macht sie zu Charter-Kapitänen. So unbürokratisch kann Deutschland sein.

Groß und klotzig scheint das Boot bei den ersten Steuerversuchen. „Immer schön langsam in die Schleusen rein, damit Sie da keine Paddelboote zusammenschieben“ mahnt Thorsten Finnern vom Schiffsverleih Locaboat, bevor es losgeht. Wie beruhigend. Das Boot wiegt 15 Tonnen und hat keine Bremsen – die werden durch den Rückwärtsgang ersetzt. Zwölf Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit fährt die „Fürstenberg“, neun fühlen sich vorn am Bug schon schnell an.

Vom Schwedtsee aus geht es in die Havel. Wie zugewachsen der Fluß ist! Überschwang greift um sich: „Ein Schmalspur- Amazonas!“, ruft eine der Landratten, ein anderer der Stadtmenschen auf dem Schiff angelt mit dem Bootshaken nach den Bäumen. Ein Kind verschwindet fast in seiner orangen Schwimmweste und strahlt trotzdem.

Dann kommt die erste Schleuse: Zum Glück eine bemannte, es gibt auch welche zur Selbstbedienung. Von seinem Häuschen ruft einem der Schleuser zu, wie das Boot festgemacht wird: Zwei Mann springen an Land, einer vorn, einer hinten, jeweils mit einem Tau in der Hand, das durch einen verankerten Eisenbügel gezogen wird. „Und dann wieder schnell rauf aufs Schiff!“, ruft der Schleuser, denn das senkt sich gleich soweit, dass man zwei Meter in die Tiefe hüpfen müsste. Es dauert etwas, bis die Stadtmenschen die Aufgabe gemeistert haben. Auf den übrigen Schiffen in der Schleuse werden ziemlich deutliche Blicke gewechselt: „Sonntagsfahrer!“

Weiter geht es den Biegungen der Havel entlang Richtung Stolpsee. Mit einem Finger ist das silberne Steuer der Fürstenberg zu lenken. Wenn man dreimal nach Backbord dreht, reagiert das Boot zeitversetzt, erst Momente später fährt man nach links. Dann aber kräftig – anfangs rücken die Seerosen am Ufer verdammt nah. Nach einigen Flussbiegungen hat man es schon ganz gut im Gefühl, wie stark und wann man das Ruder einschlagen muss. Dann ist auch der Ausblick zu genießen: Von den Bäumen schwingen sich Jugendliche an Seilen wie Tarzan ins Wasser. Menschen zelten, am Ufer sind Bootshäuschen aneinandergereiht. Alles erscheint fast unwirklich, so als würde man auf dem Traumschiff durch eine Modelleisenbahn-Landschaft tuckern.

Auf halbem Weg zum Stolpsee kann man an einer Ziegenkäserei anlegen und im Hofladen Käse für das Abendbrot im Liegehafen Himmelpfort erstehen. Dort soll das Nachtquartier sein. Der Himmel macht dem Ortsnamen alle Ehre, schlierig rosarot sieht er aus. Himmelpfort selbst hat graue Fassaden aus DDR- Zeiten, die sich mit roten Backsteinenwänden abwechseln. Daran Efeu, vom Wind durchkämmt. Hier ist heute Fischerfest, ein DJ spielt Udo Jürgens.

Am nächsten Tag geht’s über die Woblitz zum Großen Lychensee. Der Fluß zieht sich schmal und kurvig dahin, zeigt Fische und Fischreiher und sogar einen vom Biber zum Stumpf gemachten Baum. Auf dem See kann man prima den Anker lassen und baden.

Beeindruckender noch als das Steuermann-Erlebnis, das man bei zehn Leuten für ungefähr 40 Euro Mietgebühr pro Tag und Person bekommt, ist der Uhrenstillstand auf dem Hausboot: Dort fühlt sich Zeit ein bisschen an wie Kindertage in den Sommerferien, die keine Uhrzeit kannten. Traurig schleichen die Stadtmenschen am Sonntagabend von Bord.

Vier Tage auf der „Fürstenberg“ kosten 1565 Euro für bis zu 12 Personen. Infos unter www.locaboat.de oder Tel. 0761-2073737. Andere Hausboot–Verleihstationen: Agentur Märchenflotte (in Mildenberg), www.maerchenflotte.de, Tel. 05247-6618, 1a Bootsvermietung (Malchow an der Müritz), www.yachtcharter-schulz.de, Tel. 03991-121415

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