KARRIERE Frage : an Anja Mengel Fachanwältin für Arbeitsrecht

Muss ich die Kollegin melden?

an Anja Mengel

Ich bin Konzepter in einem Telekommunikationsunternehmen und arbeite in einem Team. Unsere Arbeit ist sehr stressig, oft stehen wir unter Zeitdruck. Jetzt habe ich entdeckt, dass eine meiner Kolleginnen Wodka in ihrem Schreibtisch versteckt hat und heimlich trinkt. An ihrem Verhalten habe ich das bisher zwar noch nicht bemerkt. Aber wenn sie ausfällt, ist davon unser ganzes Team betroffen. Wie soll ich darauf reagieren?

Dies ist eine arbeitsrechtlich ebenso wie menschlich schwierige Frage. Es ist schwer zu beurteilen, ob es der Kollegin helfen würde, ihre Probleme zu lösen, wenn Sie sie darauf ansprechen und ihr zu einer Behandlung raten. Arbeitsrechtlich sind gleichrangige Kollegen untereinander aber grundsätzlich nicht zur gegenseitigen Aufsicht oder auch zur Anleitung verpflichtet, auch nicht zur Anzeige von kleineren Pflichtverletzungen von Kollegen.

Anders ist das, wenn ein Kollege das Unternehmen zu schädigen droht: Ein Arbeitnehmer hat grundsätzlich die Pflicht, in seinem Verantwortungsbereich Schäden vom Unternehmen abzuwehren. Handelt es sich um erhebliche Schäden, muss er das auch außerhalb seines Verantwortungsbereichs melden. Es gibt dann eine grundsätzliche Pflicht zur Anzeige bei Vorgesetzten oder den zuständigen Stellen wie Personal, Revision, Werksschutz. In Ihrem Fall ist die Kollegin aber – trotz einer möglichen starken Arbeitsbelastung für Ihr Team, wenn sie ausfallen sollte - vor allem eine Gefahr für sich selbst und ihre Gesundheit, so dass die Voraussetzungen für eine Pflicht zum Eingreifen oder zur Anzeige bei Vorgesetzten nicht vorliegen.

Anders wäre es naturgemäß, wenn ein Arbeitnehmer bei Alkohol- oder Drogenmissbrauch am Arbeitsplatz eine Gefahr für die Gesundheit oder gar das Leben anderer Kollegen oder Kunden darstellt oder andere Haftungsschäden für den Arbeitgeber zu verursachen droht. Das trifft etwa bei Berufskraftfahrern, Piloten, Kranfahrern und Ärzten zu. Dann wäre auch ein Kollege oder nachgeordneter Mitarbeiter verpflichtet, unverzüglichen einzuschreiten und den Fall dem Arbeitgeber zu melden.

Eine fehlende arbeitsrechtliche Pflicht zum Handeln sollte aber kein Grund sein, einem Fehlverhalten oder der menschlichen Notlage eines Kollegen zu Ihren Lasten oder dem Nachteil Dritter tatenlos zuzusehen. Alternativ zum eigenen Eingreifen können Sie sich in vielen Betrieben vertraulich an den Betriebsrat wenden oder speziell ernannte Vertrauensleute beziehungsweise Gesundheits- oder Drogenbeauftragte einschalten. Foto: Promo

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