Karriere in Brandenburg : Und stetig lockt die Heimat

Brandenburg hat ein Problem mit seiner Bevölkerung. Die schwindet, was gewaltige Kosten verursachen wird. Deshalb wirbt das Land jetzt offensiv um jene, die es verlassen haben.

von
Über allem dehnt sich der Himmel. Um Brandenburg lebenswert zu finden, muss man dort nicht geboren und aufgewachsen sein. Aber es hilft offenbar. Die Regierung lockt die Landflüchtigen mit einer Initiative zurück.
Über allem dehnt sich der Himmel. Um Brandenburg lebenswert zu finden, muss man dort nicht geboren und aufgewachsen sein. Aber es...Foto: Thomas Lähns/PNN

So ist das mit Brandenburg. Schwieriges Image, stille, aber starke Heimatgefühle dahinter. Carmen Falkenberg kommt aus einem Dorf in der Nähe von Oranienburg. Fragt man Carmen Falkenberg, was sie mit „Zuhause“, mit „Heimat“ verbindet, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Nichts von dem, was ihr wichtig ist, hat mit Hamburg zu tun. Aber genau da war sie gelandet. Von 2008 bis Anfang dieses Jahres arbeitete sie in der Stadt, in der sich ihr in einem großen Handelsunternehmen eine Karrierechance bot.

27 Jahre ist sie alt, Industriekauffrau von Beruf, freundliches Lachen, selbstbewusste Ausstrahlung, eine offene, direkte Art zu reden. Das erste Jahr da oben in Hamburg sei „spannend“ gewesen, erzählt sie. Aber vom Reiz der Fremde war bald nichts mehr übrig – der kann sich schnell erschöpfen, wenn man viele Stunden auf der A 24 zwischen Hamburg und dem Berliner Autobahnring verbringt. Carmen Falkenberg pendelte: Das Wochenende zu Hause endete am Montag morgens um fünf Uhr, nachdem es am Freitagnachmittag begonnen hatte. Hamburg fand Carmen Falkenberg bald „spießig, steif, konservativ“ und schimpft: „Die Hamburger tun so, als wenn das direkt am Meer ist. Dabei fließt da nur die dreckige Elbe lang!“ Beruflich kam sie voran, die Abende waren öde. „Das wird hier einfach nichts“, dachte sie oft.

Nach vier Jahren im Norden hat sie einen Job bei einem großen Berliner Gesundheitsbetrieb gefunden. Sie wohnt jetzt wieder in dem Dorf, von dem sie aufgebrochen war. „Mir hat es hier eigentlich an nichts gefehlt“, sagt sie heute, denkt dabei an ihre Familie, ihre Schwester, ihre Erinnerungen, denkt auch ans Baden im See und daran, dass „Omi und Opa immer für uns da gewesen“ seien. Sie erzählt von der Kinderfußballmannschaft, die sie trainierte, von der Theatergruppe. Von den Sorgen, die sie sich machte, als ihr Opa im Krankenhaus lag und sie ihn nicht mal eben nach der Arbeit besuchen konnte.

Carmen Falkenberg hat ihren neuen Arbeitsplatz über eine Jobvermittlung im Internet gefunden, nicht über das Fachkräfteportal, das neuerdings für die Rückkehr von Exil-Brandenburgern wirbt. Aber immerhin hatte sie davon schon mal gelesen. Mit dem Portal, das als „Fachkräfte-Portal“ über die Internetseite www.brandenburg.de zu finden ist, geht die Landesregierung gegen die absehbaren Folgen der demografischen Entwicklung an. Gesucht werden Menschen wie Carmen Falkenberg: gut ausgebildet, karrierebewusst, aber auch heimatverbunden und nicht zu abgehoben.

Dennis Broistedt, 31 Jahre alt, ist auch so einer und gewissermaßen der Prototyp des Rückkehrers. Er hat Wirtschaftsinformatik studiert, danach in Bayern bei BMW gearbeitet und ist dann doch zurück nach Neuruppin gegangen, in seine Heimatstadt, wo er jeden Waldweg und jede Badestelle aus Kinder- und Jugendzeiten kennt. In Brandenburg werden demnächst zigtausende von seiner Art gebraucht.

Die Bevölkerungspyramide verändert ihre Form. Von der Tanne – unten viele Kinder, oben wenige Alte – zur Kiefer: schmaler Stamm, wenig Kinder, wenig Mittelalte – breite Krone, viele Alte und, wie man heute sagt: „Hochbetagte“.

Immer öfter hören die Politiker in Potsdam, dass Facharbeiter in Unternehmen fehlen, dass Stellen nicht besetzt werden können. In der Arbeitswelt wirkt sich heute aus, dass viele Ostdeutsche unter dem Schock der Wende und einer ungewissen Zukunft auf Kinder verzichtet haben und dass der Untergang der DDR- Wirtschaft viele andere gezwungen hat, in den Westen der Republik zu ziehen, um dort zu arbeiten. Zweieinhalb Millionen Einwohner hat Brandenburg. Noch. Bis 2030 erwartet das Statistikamt einen Verlust von 330 000 Menschen. Heute, so schreiben die Bevölkerungswissenschaftler, sei jeder fünfte Brandenburger im „Seniorenalter“. 2030 werde es jeder dritte sein. Das hat Folgen. Das Steueraufkommen im Land wird sinken, mehr Pflegekräfte und Ärzte werden für die Gesundheitsversorgung gebraucht. Die Kosten der Infrastruktur vom Wasser über Elektrizität bis zum Straßenbau werden steigen, jedenfalls pro Person gerechnet.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben