Karrierefrage : Darf der Chef so wenig zahlen?

Ein Karrierefrage an Christoph Abeln, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

An Christoph Abeln

Ich arbeite in einem Callcenter und werde nach Kontakten bezahlt. Wenn kein Kunde anruft, verdiene ich also auch nichts. Der Stundenlohn liegt entsprechend zwischen 0,50 Euro minimum und 4,74 Euro maximum. Darf mein Arbeitgeber so wenig zahlen? Ist das nicht Lohnwucher?





Der Mitarbeiter erbringt seine Leistungen und erwartet dafür selbstverständlich eine angemessene Gegenleistung, sein regelmäßiges Gehalt. Ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung liegt dann vor, wenn die Arbeitsvergütung nicht einmal zwei Drittel eines in der betreffenden Branche und Wirtschaftsregion üblicherweise gezahlten Tariflohns erreicht. So urteilte zuletzt das Bundesarbeitsgericht.

Für die Beschäftigten in einem Callcenter existieren üblicherweise keine Tarifverträge. Der Koalitionsvertrag sieht einen Mindestlohn für alle Wirtschaftszweige nicht vor. Damit gibt es keine Anhaltspunkte für ein Missverhältnis, da man auf keinen üblicherweise gezahlten Tarif- oder Mindestlohn in der Branche zurückgreifen kann. Der Unterbezahlte muss auf die übliche Vergütung des Wirtschaftszweiges zurückgreifen.

In den Fällen, in denen ein auffälliges Missverhältnis zwischen Arbeit und Lohn besteht, muss überprüft werden, ob Lohnwucher oder ein wucherähnliches Rechtsgeschäft vorliegt. Wenn dies der Fall sein sollte, ist die Gehaltsvereinbarung als nichtig anzusehen und der Arbeitgeber muss den üblicherweise in der Branche gezahlten Lohn nachzahlen. Die rechtliche Einordnung als Wucher setzt jedoch zusätzlich voraus, dass der Arbeitgeber die Zwangslage oder Unerfahrenheit der Mitarbeiter ausnutzt. Eine besonders große Spanne zwischen dem tatsächlichen und üblicherweise gezahlten Lohn spricht jedoch schon von vornherein für eine verwerfliche Gesinnung.

Arbeitet ein Mitarbeiter etwa acht Stunden am Tag und erhält einen Stundenlohn zwischen 50 Cent und etwas über 4,50 Euro brutto, dann ist ohne Weiteres von Lohnwucher auszugehen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, ob der Betroffene weitere Leistungen wie Sachleistungen oder andere Zuschüsse erhält. Auch ist zu bewerten, wie das Arbeitsverhältnis ausgestaltet ist, ob der Arbeitnehmer seinen Lohn positiv beeinflussen kann oder ob der Lohn nur vom Arbeitgeber und den Kunden abhängt. Das Betriebsrisiko trägt stets der Arbeitgeber. Liegt Lohnwucher vor, kann der Betroffene die für den Wirtschaftszweig übliche – und angemessene – Vergütung verlangen und gerichtlich durchsetzen.Foto: Promo

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