Katja Riemann : Einsame Witze

„Sex Stadt Beziehungen“ mit Katja Riemann im Maxim Gorki Theater ist kein besonders spektakuläres Stück.

Jan Oberländer

Berlin Im aufbrandenden Applaus joggt eine Fotografenmeute nach vorne, jeder will das schönste Verbeugungsfoto schießen. Dabei ist „Sex Stadt Beziehungen“, das die Regisseurin Amina Gusner nach mehreren Off-Produktionen im „Theater unterm Dach“ auf der großen Gorki-Bühne inszeniert hat, kein besonders spektakuläres Stück. Aber Katja Riemann spielt darin mit. Und weil Katja Riemann nicht nur ein großer Kinoname, sondern dieser Tage ohnehin aufgrund der sexuell expliziten Schauspielervergangenheit ihres neuen Freundes in die Boulevardschlagzeilen gezerrt wird, gibt es am Premierenabend Kamera-Keilerei.

Sex statt Beziehungen also. Drei unglückliche Großstadtglühwürmchen sitzen auf Johannes Zachers von Nebelmaschinen-Plauderdampf durchwaberter Bühnen-Bar aus sterilen Plastikquadern und erzählen sich ihre Misserfolgsgeschichten. Sie schreien sich an oder einfach nur herum, fühlen sich einsam und weltgeworfen, träumen von ehrlicher Handarbeit, Mutterbesuch und Yoga, fummeln, singen und rauchen. Zu Atmo-Regulierungs- und Szenenwechselzwecken werden immer mal wieder herumhastende (Anonymität in der Menge!) oder wild zappelnde (Gefühlschaos!) Silhouetten auf den Bühnenhintergrund projiziert.

Der Saal liebt’s. Ist ja auch manchmal lustig. Wenn etwa Katja Riemanns Bardame Josefine – die für ihre explizit verkündete Verkorkst- und Verletztheit ziemlich super aussieht – sich auf den langweiligen Rundrücken Tom (Peter René Lüdicke) wirft, um mal ein bisschen Nähe auszuprobieren. Und wenn der dann mit diesem Gepäck, geknickten Beins auf der Seite liegend, über die Bühne robbt: „Ich muss los.“ Überhaupt Lüdicke. Wenn er in einer armrudernden, kniebeugenden Endlosschleife über die ewige Vergeblichkeit des Lebens meditiert, schafft er es kurz, in dem Szenenstückwerk des Abends seinen Tom zum echten Narren zu machen, zum doppelbödigen King of Langeweile mit Blouson aus Samt oder Wildleder oder sonst was grünem Soften (Kostüme: Inken Gusner). Auch der gegelte Gitarrero Peter (Werner Eng) wiederholt ständig seinen Text („Wir wuppen das!“), sondert immer wieder die gleichen Worte ab, ein Selbstgespräch vielleicht, eine Sprachkrise? Bei Potenz-Peter letztlich doch bloß: heiße Luft. Als er und Josephine knutschen, sitzt Tom am Bühnenrand und macht herrlich eklige Männergeräusche, räusper, hrrrm, ähemm. Einsamer sucht Einsame zum Einsamen.

Wenn Josephine zerkauten Bananenmatsch in eine Plastiktüte spucken muss, während sie von ihrer kurz mal zwecks Figurenhintergrundbildung erwähnten bulimiekranken Tochter erzählt, dann ist das lahm. Und wenn sie im völlig willkürlichen „Du Opfer“-Türkenakzent von nachbarlichem Desinteresse am Hermannplatz spricht, ist das haarsträubend. Und wenn man gar noch weise und tapfer vorgelernt kriegt, dass „diese ganze abstrakte Vorstellung von Liebe“ letztlich ein „Gefühl aus der Vergangenheit“ sei, von der man sowieso nur enttäuscht werde, dann wundert man sich durchaus über das Gejuchze aus dem Fanblock im Parkett. Vor allem, wenn mit einem „Du lebst – das ist Glück genug“ noch ein oberlangweiliges Mutmachfazit nachgelegt wird.

„Inspiriert von Texten von Sibylle Berg“ will das Stück sein. Merkt man aber nicht. Berg erzeugt mit winzigen Sprachwitzblitzen eine konstante Hintergrundspannung, Gusner lässt ihr herzenswundes Einzelkämpfertrio unter hohem Kalorieneinsatz Pointen ausspielen. Kein gut gelaunter Hass, kein Liebesekel, kaum mal eine ätzende kleine Gewaltfantasie – aber ein Ensemble, das jede möglicherweise mitgemeinte Ironie hinter immer neuen Posen versteckt.

Wieder am 15. und 19. Juni.