Der Tagesspiegel : Keine Frage des Stils

Designer brauchen nicht nur künstlerisches Gespür – sie müssen sich auch gut vermarkten können

Grit Thönnissen

Die Modedesignerin Esther Perbandt ist auf dem Sprung. Im vergangenen Juli zeigte sie ihre Kollektion zum ersten Mal auf der Berliner Fashion Week, im gleichen Monat eröffnete sie einen eigenen Laden in bester Lage in Berlin-Mitte, im Oktober präsentierte sie ihre Mode in Paris.

Esther Perbandt gehört zu den vielen Absolventen der Berliner Kunsthochschulen, die sich selbstständig gemacht haben. Wie man etwas gut gestaltet, haben Designer wie sie im Studium gelernt. Wie sie diese Fähigkeiten und nicht zuletzt sich selbst vermarkten können – davon haben viele Berufsanfänger eine eher wage Vorstellung.

„Erst mal anfangen“, hat sich vor vier Jahren auch Esther Perbandt gedacht, als sie ihr Label gründete. Damals bewarb sie sich um einen Stand auf der Berliner Modemesse Premium. Als es klappte, ging es vor allem darum, schnell genug Produkte zu entwerfen. Ihr erster Messeauftritt war so erfolgreich, dass klar war: „Ich mache weiter.“

Die Finanzierung eines kleinen Labels kann schnell zu einem so großen Problem werden, dass es oft nach der Euphorie der Anfangszeit nicht weitergeht. „Viele Designer leben von der Hand in den Mund, weil sie sich vor einer langfristigen Finanzplanung, vor großen Investitionen fürchten“, sagt Andreas Bißendorf von der Investitionsbank Berlin. Deshalb hält der Bankkaufmann es für sinnvoll, sich fremde Hilfe zu suchen – sei es über Workshops, Seminare oder persönliche Coachings.

Esther Perbandt lässt sich seit 2007 von einer Unternehmensberaterin unterstützen. „Am Anfang ging es vor allem darum, aufzuräumen. Ich hatte das Gefühl, es geht nicht richtig weiter.“ Also landete die heute 33-Jährige erst bei der Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung (GSUB) und später beim „Kreativ Coaching Center“. „Ohne die Beratung hätte ich mich nicht getraut, einen Laden zu eröffnen, mein Atelier zu vergrößern und eine Mitarbeiterin einzustellen.“

Das „Kreative Coaching Center“ ist eine vor sechs Monaten gegründete Initiative der Investitionsbank Berlin. Unternehmer und Freiberufler können sich hier beraten lassen. Dabei kann es um Finanzierung, Positionierung und Marketing gehen – oder erst einmal darum, die eigene Persönlichkeit zu schärfen.

Dass in der Arbeit der vielen selbstständigen Gestalter der Stadt großes wirtschaftliches Potential steckt – egal, ob es sich dabei um Industrie-, Produkt-, Kommunikations-, Grafik- oder eben Modedesigner handelt – hat auch der Berliner Senat erkannt. Er unterstützt die Workshopreihen am Internationalen Design Zentrum (IDZ) in Berlin. Die Gruppe an Teilnehmern im Kurs „Finanzierung sichern und Förderung nutzen“ ist bunt gemischt: Von der Studentin, die sich informieren will, über den Existenzgründer, bis hin zum Designer, der schon lange eine eigene Produktion hat.

„Aber erst einmal ist es schwer, die Designer überhaupt zu erreichen“, sagt Malte Klein-Luyten vom IDZ. Erstens gäbe es kein Zentralorgan für die Branche und in den vielen Verbänden seien nur etwa drei Prozent der Designer organisiert. Und zweitens stünde oft der Kunstgedanke einer Weiterbildung im Weg. „Viele Designer glauben, es reicht ein gutes Produkt zu entwerfen. Dann wundern sie sich, warum es niemand haben möchte“, so Klein-Luyten.

„Designer sind keine Künstler – sie sind Dienstleister und Unternehmer“, sagt Joachim Kobuss, Coach und Workshopleiter. So lässt er in einer Arbeitsgruppe die ersten Umrisse eines Businessplans für ein fiktives Unternehmen erarbeiten. Schon bei beim ersten Punkt, der Geschäftsidee, kommt es zu heftigen Diskussionen, welchen Nutzen ein gemeinsames Produkt haben könnte.

An den Workshops des IDZ können alle teilnehmen, die im Entferntesten etwas mit Design zu tun haben. „Wir wollen nicht, dass alle den gleichen Hintergrund haben, sich gegenseitig auf den Rücken klopfen und sagen: Ja, ja das kennen wir schon“, sagt Malte Klein-Luyten. Der Perspektivwechsel sei fester Bestandteil der Workshops. In der halbjährlichen Reihe geht es um Themen wie Finanzierung, Förderung, Markenrecht, Akquise, Netzwerke und Pressearbeit.

Neben dem Berliner Senat haben auch die Berliner Ausbildungsstätten für Designer erkannt, dass es in der Branche einen hohen Bedarf an Weiterbildung gibt – allen voran die vier Kunsthochschulen der Stadt. Unter der Leitung der Universität der Künste ist das „Career & Transform Service Center“ entstanden. Angeboten werden Seminare und Workshops, die „Handlungskompetenzen von Kreativen verbessern“, sagt Angelika Bühler vom Career Center. Dazu gehöre, Verträge richtig zu lesen, im Team zu arbeiten, seine Rechte zu schützen und die Buchhaltung zu verstehen. Teilnehmen können Studenten und Absolventen der Berliner Kunsthochschulen. „Doch wir geben auch allen anderen Auskunft“, so Bühler.

Wer eine breitere kaufmännische Grundbildung erwerben möchte, kann sich an die Industrie- und Handelskammer wenden. „Unsere Seminare stehen allen offen, auch wenn die Angebote auf Unternehmen zugeschnitten sind“, sagt Beraterin Katja Kühne. Da viele Designer Freiberufler seien, müssten diese die Inhalte der Weiterbildung genau prüfen. „Aber dass die IHK anerkannte Zertifikate vergibt, kann die Teilnahme interessant machen“, sagt Katja Kühne.

An wirklich alle wendet sich der Businessplanwettbewerb Berlin-Brandenburg, der in den kommenden Tagen startet. Bis zur Abgabe im Mai finden kostenfreie Seminare, Vorträge und Beratungen rund um die Existenzgründung statt – unabhängig davon, ob der Businessplan eingereicht wird.

Nicht nur wer sich selbstständig macht, braucht ein tragfähiges Konzept: Esther Perbandt machte ihren ersten Businessplan erst dieses Jahr. Sie wollte Geld für ihren Laden und die Weiterentwicklung ihres Labels bei einer Bank beantragen. Nicht nur dabei hat ihr das Coaching geholfen. „Es nimmt mir auch die Panikattacken, wenn es zweimal im Jahr zu finanziellen Engpässen kommt. Jetzt weiß ich, dass das bei anderen auch so ist – und zwar ganz normal.“

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