Der Tagesspiegel : Keine Hoffnung für Hohensaaten

Brandenburgs ältestes Dorf schrumpft immer weiter Es fehlt an Arbeitsplätzen, Geld und Ideen

Marion Hartig

Hohensaaten - Die Kiesgrube könnte die Rettung sein. Wenn der Kies erst fort und ein schöner See da ist, dann kommen gewiss auch Touristen, sagt Reinhard Körber. Und die brauchen einen Platz zum Schlafen, wollen essen, leihen sich Boote aus. Das wird Arbeitsplätze und Leben ins Dorf bringen. Die Jungen müssen dann von Hohensaaten, dem kleinen brandenburgischen Ort an der polnischen Grenze, nicht mehr nach Hamburg oder Berlin ziehen, um einen Job zu finden.

Reinhard Körber ist ein gestandener Mann, 52 Jahre, Handwerker, stellvertretender Bürgermeister von Hohensaaten. Aber jetzt sitzt er in seinem Garten am Deich vor der Oder und malt Luftschlösser. Dabei weiß er genau, dass seine Idee in einem Seenland wie Brandenburg keine Chance hat, und dass er nicht aufhalten kann, was mit seinem Dorf geschieht. Hohensaaten schrumpft: Vor der Wende lebten dort 1000 Menschen, heute sind es 200 weniger. Und der Ort vergreist: Mehr als jeder vierte ist inzwischen 65 Jahre oder älter, das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 50 Jahren. Damit ist Hohensaaten das „älteste Dorf“ Brandenburgs. Und ein Beispiel dafür, wie es in einigen Jahrzehnten in vielen Dörfern in den Randgebieten aussehen könnte.

Plötzlich stehen immer mehr Häuser leer, erzählt Körber. Die Grundschule musste schließen, weil es nicht mehr genug Kinder gab. Der letzte Tante- Emma-Laden hat vor ein paar Monaten dicht gemacht. Jetzt bieten Händler auf dem Kirchplatz ihre Waren an. Eine Post gibt es schon lange nicht mehr. Die Bank öffnet nur noch einmal in der Woche am Nachmittag. „Immerhin leben die Alten hier ganz gut“, sagt Körber. Die meisten sind noch fit, können für sich selbst sorgen. Wenn sie etwas brauchen, klingeln sie beim Nachbarn, der hilft. Wer nicht mehr gesund ist, wird von der Tochter oder dem Sohn gepflegt. Körber fällt niemand ein, der allein dasteht.

Aber er weiß, dass es nicht so glatt weiterlaufen wird. Dass die gesunden Alten irgendwann kranke Alte werden. Deren Töchter und Söhne leben meist nicht mehr im Dorf, um für sie zu sorgen.

In der Gemeindevertretung zerbrechen sie sich oft den Kopf darüber, wie es mit Hohensaaten weitergehen soll, sagt der stellvertretende Bürgermeister. Aber es fehle an Ideen, mit denen man das Dorf voran bringen könnte. Ein Investor ist nicht in Sicht, der ein Großprojekt in der Region plant, das Arbeit bringt, damit die Jungen wieder eine Zukunft haben. Es fehlt auch an Geld, um selbst etwas in Bewegung zu setzen. Vom Land sei nicht mehr viel zu erwarten, seit Brandenburg sein Förderprinzip geändert hat und Zuschüsse hauptsächlich den 15 so genannten Wachstumskernen zukommen lässt, den Städten, die als Zentren für die umliegenden Dörfer gestärkt werden sollen. Hohensaaten ist Randgebiet – das Dorf muss sich selbst über Wasser halten. Bis zum Schluss.

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