Der Tagesspiegel : Keine Ruhe vor dem Sturm

Ein Dorf in der Lausitz wehrt sich gegen Windkraftanlagen in der Nähe von Wohnhäusern Die Bürger sind durch den Lärm gestresst. Eine Volksinitiative hat bereits 15 000 Unterschriften gesammelt

Lars Hartfelder

Luckau - Ein dumpfes Rauschen stört die Abendidylle im Garten von Carsten Stengel. Manchmal hört es sich an wie ein Flugzeug, dann wieder wie eine laufende Waschmaschine. Und der Familienvater aus dem kleinen Ort Zöllmersdorf bei Luckau südlich von Berlin ist genervt – mächtig. Denn nur 650 Meter weit entfernt von seinem Wohnhaus befindet sich ein Windrad, dass diese intervallartigen Geräusche von sich gibt.

Die Schallwellen der Rotorblätter sind je nach Windstärke und -richtung unterschiedlich laut. „Bei offenem Fenster kann ich nicht schlafen“, erzählt Stengel. Dabei störe ihn noch nicht einmal die Lautstärke, sondern die Vielfältigkeit der Töne. „Die Geräusche der Windräder machen uns krank“, sagt er.

Ähnlich wie Carsten Stengel geht es mehreren Familien in Zöllmersdorf, die seit der Inbetriebnahme im Januar 2007 für Abschaltzeiten oder eine Versetzung des störenden Windrades kämpfen. Das Landesumweltamt hatte bereits am 6. März dieses Jahres eine umfassende Untersuchung vornehmen lassen und dabei den Lärm gemessen. Eine Entscheidung steht derzeit noch aus. „Die Ergebnisse sind noch nicht amtlich bestätigt“, lautet die kurze Begründung von Hans-Detlev Lintzel, dem zuständigen Referatsleiter für Anlagen- und Umweltüberwachung.

Petra Hoffmann hält eine Versetzung des Windrades für unrealistisch. „Aber Abschaltzeiten während der Nachtstunden würden schon eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität bringen“, sagt die Zöllmersdorferin. Das störende Geräusch klinge für sie wie ein vorbeifahrender Zug, bei dem jeder einzelne Wagon zu hören sei. Wenn die Rotorblätter die 95 Meter hohen Masten passierten, entstünden die pfeifenden, schlagenden Töne. Im Herbst sei nachmittags zusätzlich der Schattenschlag eine große Belastung.

Die Bewohner haben nun eine Bürgerinitiative gebildet, um sich gegen das störende und die weiteren geplanten Windräder in unmittelbarer Nähe ihres Ortes zu wehren. „Doch gegen die Windkraft-Lobby anzukämpfen, ist schwer“, sagt Carsten Stengel. Aus diesem Grund sei die Unterstützung der landesweiten Volksinitiative „Gegen die Massenbebauung Brandenburgs mit Windenergieanlagen“ eine logische Folge. „Zusammen können wir mehr erreichen.“

Nach Angaben von Wolfgang Neumann unterstützen mittlerweile 19 Gruppierungen die Volksinitiative (VI). „Mensch und Natur dürfen nicht weiter nachhaltig geschädigt werden“, sagt der Sprecher, der gleichzeitig auf eine Studie der Schiller-Universität Jena verweist. Darin wurde festgestellt, dass dauerhafte Ultraschallwellen zu Konzentrationsstörungen, reduzierter Belastbarkeit und Schwindelgefühlen führen können.

Wolfgang Neumann betont, dass die Bürgerbewegung nicht grundsätzlich gegen Windkraftanlagen sei, sondern ein gewisses Maß an Verträglichkeit fordert. So verlangt die Volksinitiative zum Beispiel einen Mindestabstand von Windrädern zu Wohngebäuden von 1500 Metern. Des Weiteren soll der Abstand zwischen den Windparks zehn Kilometer betragen. Außerdem wird ein Verbot der Anlagen in Naturschutzgebieten gefordert.

Der Platz in Brandenburg für neue Windkraftanlagen wird immer knapper. „Schon jetzt sind große Landschaften von riesigen Windparks zerschnitten“, kritisiert Neumann. Landesweit gibt es derzeit rund 2500 Windräder, die auf einer Fläche von 225 Quadratkilometern stehen. Ein Entwurf der Landesregierung sieht bis zum Jahr 2020 eine Verdoppelung der Kapazitäten auf 550 Quadratkilometer und 5000 Windkraftanlagen vor. „Die Belastungen für den Menschen werden immer größer. Sollten die Planungen umgesetzt werden, wäre das eine Katastrophe“, sagt Neumann. Mit ihrer Unterschrift könnten die Bürger „diesen Wahnsinn“ noch stoppen. Vor allem der wohnnahe Bereich soll nach dem Willen der Volksinitiative ausgespart werden. Stattdessen, fordern sie, könnten ehemalige Braunkohletagebau-Gebiete, alte Militärliegenschaften oder Flächen entlang der Autobahn genutzt werden.

15 000 Unterschriften habe die Volksinitiative bereits gesammelt, 20 000 sind nötig, damit sich der Landtag mit dem Thema beschäftigt. „Wir sind fast am Ziel, um Gehör zu finden“, sagt Neumann, der bisher vergeblich auf einen Dialog mit der Landesregierung wartete. Finden die Forderungen dort keine Zustimmung, kann es auf Verlangen der Volksinitiative ein Volksbegehren geben. Um hier erfolgreich zu sein, müssten sich 80 000 Abstimmungsberechtigte innerhalb von vier Monaten in die amtlichen Eintragungslisten einschreiben. Wird diese Zahl erreicht, kann die Volksinitiative einen Volksentscheid verlangen, sollte der Landtag den Forderungen weiter nicht zustimmen. Dessen Ergebnis hätte verbindliche Konsequenzen für die Landespolitik. Die letzte Volksinitiative „Keine neuen Tagebaue – für eine zukunftsfähige Energiepolitik“ hatte der Landtag am 10. Juli dieses Jahres abgelehnt.

Für Carsten Stengel und seine Nachbarn in Zöllmersdorf geht es in erster Linie um die Verbesserung ihrer Lebensqualität und Gesundheit. „Die ständigen Geräusche machen einen unruhig und unausgeglichen“, beschreibt Stengel die Situation. „Auch wenn die Werte im zulässigen Bereich liegen sollten, beeinträchtigen sie den Alltag.“

Gespannt warte das ganze Dorf nun auf das Gutachten des Landesumweltamtes. „Die Konflikte hätten im Vorfeld geprüft und beseitigt werden müssen, dafür gibt es schließlich Baugesetze“, kritisiert Stengel die Behörden.

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