Der Tagesspiegel : Keine Verfassungsklage gegen Leichenschau

Kirche fordert weiter Verbot des Plastinariums. Proteste kommen sogar aus Übersee.

Sandra Dassler

Guben/Berlin - Eine Verfassungsklage gegen das kürzlich in Guben eröffnete Plastinarium des umstrittenen Leichenpräparators Gunther von Hagens wird es vorerst nicht geben. Das sagte der Präsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Ulrich Seelemann, dem Tagesspiegel. Zwar bestehe für die Kirche kein Zweifel, dass das öffentliche Präparieren von Leichen gegen die vom Grundgesetz garantierte Menschenwürde verstoße, aber eine Verfassungsbeschwerde könne sich nur gegen staatliche Akte oder Akteure richten und nicht gegen Privatpersonen. „Deshalb können wir momentan nur die zuständigen Behörden auffordern, gegen das Plastinarium vorzugehen“, sagte Seelemann: „Wenn sie das nicht tun, werden wir weitersehen.“

Verfassungsrechtler geben einer Klage noch aus anderem Grund wenig Chancen: Verfassungsbeschwerde einlegen könnten nur Betroffene. Das seien in diesem Fall die Angehörigen eines Verstorbenen. Dieser Klageweg steht ihnen aber nur dann offen, wenn sie den Nachweis erbringen, dass ihr Verwandter zu Lebzeiten nicht zugestimmt hat, seine Leiche beispielsweise öffentlich zersägen zu lassen.

Das Gubener „Aktionsbündnis Menschenwürde“, in dem sich vor allem Christen und Vertreter der PDS/Linkspartei gegen das Plastinarium engagieren, hat inzwischen sogar Unterstützung aus Übersee erfahren. So meldete sich Pastor Christoph Reiners aus dem kanadischen Abbotsford. Sein 13-jähriger Sohn hatte ihn mit der Nachricht überrascht, dass er mit seiner Schulklasse eine Ausstellung „echter Leichen“ in Vancouver besuchen werde. Der Apotheker Aaron Ginsburg aus Massachusetts hat für die Vereinigten Staaten und Kanada eine Internet-Plattform unter dem Titel „Stop Body Worlds“ initiiert. Sie richtet sich nicht nur gegen die drei Ausstellungen, die von Hagens derzeit in Nordamerika zeigt, sondern gegen weitere „Körper-Welten“-Shows. „Mit denen wollen möglicherweise ehemalige Mitarbeiter von Gunther von Hagens aus China ebenfalls Geld verdienen“, vermutet Michael Domke. Der Gubener Pfarrer ist erleichtert, dass Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht den Besuch der Leichenwerkstatt für Schulen verboten hat.

Dass Berlin, wo ebenfalls Hunderte Schulen ins Plastinarium eingeladen wurden, kein Verbot ausspricht, sondern den Schulen die Entscheidung überlässt, kann Kirchenpräsident Ulrich Seelemann nicht verstehen: „Das Land Berlin nimmt für sich in Anspruch, wertevermittelnden Unterricht zu erteilen. Aber es fühlt sich offenbar nicht verpflichtet, auf den Schutz dieser universellen Werte zu achten“.

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