Keramik : „Das sind doch alles olle Töppe“

Eine Retrospektive in Potsdam ehrt die bedeutende Keramikerin Hedwig Bollhagen.

Philipp Eins
Hedwig Bollhagen
Hedwig Bollhagen: Diese Vase wurde bei der Weltausstellung 1937 in Paris mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.Foto: ddp

Marwitz/PotsdamDer Geruch von brennender Farbe verbreitet sich in der Fabrikhalle aus rotem Klinker. Doch er ist nicht stechend, sondern warm und erden. „So riecht es, wenn Keramik gebrannt wird“, sagt Petra Becker. Jeden letzten Mittwoch im Monat führt die Mitarbeiterin der HB-Werkstätten für Keramik in Marwitz Besucher durch die von Hedwig Bollhagen gegründete Manufaktur. Die Künstlerin arbeitete bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 täglich in ihrer Werkstatt. Das nach Bollhagen benannte Geschirr in grau-blau-weißen Streifen wird in den HB-Werkstätten weiterhin in Handarbeit geformt. Anlässlich ihres 100. Geburtstages würdigt das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam Hedwig Bollhagen mit einer großen Retrospektive.

Für Hedwig Bollhagen, geboren am 10. November 1907 in Hannover, stand nicht die Kunst, sondern der praktische Nutzen ihrer Keramik im Vordergrund. „Das sind doch alles olle Töppe“, sagte sie einmal über die nun in Vitrinen aufgereihten Vasen, Teller und Tassen. Dennoch wollte sie keine lieb- und leblose Massenware produzieren, sondern dem Bedürfnis nach Ästhetik gerecht werden. Bollhagen liebte besonders den Blauton in der Keramik. „Er eignet sich am besten für schlichte Formen. Das haben schon die alten Japaner und Chinesen entdeckt.“ Schlichtes Geschirr mit sparsamen geometrischen Mustern wurde ihr Markenzeichen.

Ihre Lehrzeit absolvierte Bollhagen in einer hessischen Töpferei, anschließend besuchte sie eine Fachschule im Westerwald und die Kasseler Kunstakademie, dann wurde sie Leiterin der Malabteilung einer Steingutfabrik im brandenburgischen Velten. Es war wie eine Fügung: Mit vierzehn Jahren hatte sie in einem Schaufenster in Hannover ein Service aus der Veltener Werkstatt entdeckt, das anders aussah als die damaligen Kaffeetafeln. Schnörkellos, im funktionellen Design des Bauhauses.

Als der Veltener Betrieb 1931 Konkurs anmeldete, ging Bollhagen auf Wanderschaft – wie kaum eine junge Frau zu dieser Zeit. Nur drei Jahre später, mit 27 Jahren, kaufte sie eine stillgelegte Keramikwerkstatt in Marwitz. Die HB-Werkstätten, die sie 1934 dort gründete, stehen – nach Verstaatlichung in der DDR und Reprivatisierung nach der Wende – noch heute auf dem Gelände.

Im Betrieb hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig verändert. „Das Rührwerk stammt noch aus den 30ern“, sagt Petra Becker. Darin wird der pulverförmige Ton mit Wasser angemischt und geknetet, bevor er von Hand auf einer Drehscheibe geformt wird, dann muss das Objekt austrocknen. „Die Töpfer und Kerammaler arbeiten mitunter schon seit 35 Jahren in der Werkstatt“, erklärt Becker. Die meisten sind auf einen Arbeitsgang spezialisiert, zum Beispiel Formen, Bemalen oder Brennen: Nachdem die Keramik trocken ist, werden die Töpfe und Tassen ins Erdgeschoss gefahren und bei 970 Grad Celsius für 345 Minuten gebrannt. Anschließend werden sie glasiert und wieder gebrannt – 60 Minuten länger und noch 100 Grad wärmer. 22 Mitarbeiter sind heute in den HB-Werkstätten beschäftigt.

Die einfachen Bedingungen, unter denen Hedwig Bollhagen arbeitete – sie gehören zu ihrem Leben wie zu ihrer Kunst. Die Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zeigt einige der bedeutendsten Objekte aus dem keramischen und schriftlichen Nachlass der Künstlerin. Neben den Klassikern ihrer Servicekollektionen und der 1937 auf der Weltausstellung in Paris mit einer Goldmedaille prämierten Vase werden auch späte Experimente in Form und Dekor sowie Arbeiten von Künstlerfreunden vorgestellt. Philipp Eins

Bis 13. Januar, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt, 14467 Potsdam. Infotelefon 0331/620 85-50. Di. bis Fr. 10 bis 17 Uhr, Sa./So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt fünf Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Bollhagen-Werkstätten in Marwitz: Telefon 03304/3980-0.

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