Der Tagesspiegel : Kerzen für die Seele einer Stadt

Sandra Dassler

Frankfurt (Oder) - „Ich möchte Anteil nehmen, meine Betroffenheit zeigen und vielleicht auch etwas Trost finden – und sei es auch nur durch das Wissen, dass andere Menschen in dieser Stadt genauso fassungslos sind wie ich.“ Die 59-jährige Hilde Rohmann war gestern Abend mit ihrem achtjährigen Enkel Felix in die Frankfurter Marienkirche gekommen. Dort gedachten knapp einhundert Menschen der vor zwei Wochen in Brieskow-Finkenheerd gefundenen neun getöteten Babys.

Die evangelische Kirchengemeinde hatte zu der Andacht unter dem Motto „Wenn das Leben keine Chance bekommt – eine Stadt sucht Antworten“ geladen. Pfarrerin Susanne Seehaus sprach aus, was viele in Frankfurt denken. „Unsere Stadt hat viele helle und freundliche Seiten. Aber immer wieder geschehen hier auch grausame Dinge, und wir versuchen verzweifelt, zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.“ Sie endete ihre Predigt mit den Worten „Lasst uns barmherzig sein“ – und schloss damit ausdrücklich auch die Mutter der neun Babys ein.

Die 39-Jährige, die seit Jahren in Frankfurt lebte, wird beschuldigt, neun zwischen 1988 und 1999 geborene Kinder kurz nach der Geburt getötet zu haben. Niemand in ihrem Umfeld will etwas von den Schwangerschaften und Entbindungen bemerkt haben. Die Pfarrerin sprach von einem „unfassbaren menschlichen Versagen“. Es gehe hier nicht um einen juristischen Fall, sondern um die Seele einer Stadt und eines Landes. Viele Menschen seien zutiefst schockiert, ihnen habe man mit der Andacht eine Möglichkeit der Verarbeitung geben wollen.

Unter den Trauernden waren auch Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU), Sozialminsterin Dagmar Ziegler und Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (SPD). Gemeinsam mit den Frankfurtern entzündeten sie Kerzen, die auf dem Boden der Marienkirche ein Kreuz bildeten.

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