Der Tagesspiegel : Ketchup für den Kandidaten

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Von Thorsten Metzner

„Keine Presse!“ Ein Bodyguard von Edmund Stoiber, ein Kerl wie ein Schrank, stellt sich mit verschränkten Armen in den Hauseingang: Der Kanzlerkandidat der Union will ungestört sein, wenn er sich über die Probleme des Ostens informiert: Er besucht Familie Bader, die im dritten Stock eines Plattenbaus, Marke „WBS 70“ im Werderaner Musikerviertel lebt. Stoiber, auf Erkundungstour durch ostdeutsche Lande, es ist sein erster Wahlkampfauftritt in Brandenburg.

Ein merkwürdiger Termin mit bisweilen skurrilen Szenen. Nicht nur, weil Stoiber, begleitet von CDU-Landeschef Jörg Schönbohm und seiner Familienkompetenzfrau Katherina Reiche, anfangs etwas unsicher wirkt auf dem so schwierigen Terrain ostdeutscher Befindlichkeiten. „Ist der saniert?“, fragt er etwa - und blickt auf frisch gestrichene Plattenbauten. Und es sieht auch nicht nach perfektem Wahlkampfdrehbuch aus, wie Nachbarn von ihren Balkonen herab den Fernsehteams Rede und Antwort stehen, während er drinnen mit Baders plaudert: Kanzler Stoiber? „Wir kennen ihn ja gar nicht. Schicken Sie ihn mal zu uns rüber, wir haben echt ’ne schöne Wohnung“, so zwei ältere Damen. Und Bernd Passow, der arbeitslose Zerspanungsfacharbeiter, der seit 22 Jahren in der Wohnung unter den Baders lebt, hält erst einmal stolz seinen Wellensittich in die Kameras. Stoiber wird er auf keinen Fall wählen, sagt er. „Ein Bayer braucht hier nicht hoch zu kommen. Er kennt doch unsere Lebensverhältnisse gar nicht.“ Da rollt mancher aus dem Stoiber-Tross mit den Augen.

Als der Kanzlerkandidat das Haus wieder verlässt, hat er was gelernt. Er erzählt dem Medientross etwas von „Wegzug aus den neuen Ländern“, dem „Leerstand“ im Osten.

Wer mit den Leuten hier rede, merke schnell, wo die Probleme seien. „17-18 Prozent Arbeitslosigkeit. Das hält auf Dauer keine Gesellschaft aus“, so der Unionskandidat. Nur, dass gerade die CDU-regierte Blütenstadt Werder, ein märkisches Musterstädtchen mit einer Arbeitslosigkeit von gerade mal neun Prozent, mit stolzem Zuzug seit Jahren als Beleg dafür nicht so recht taugen will, und auch der schmucksanierte Plattenbau nicht als überzeugende Kulisse. „90 Prozent der Bestände in Werder sind saniert, der Leerstand liegt bei 5 Prozent“, bestätigt Bernd Groth, der Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft. „Aber jeder Leerstand ist schlimm.“ Im Bus, auf der Weiterfahrt zur sanierten Inselstadt von Werder, setzt CDU-Landeschef Jörg Schönbohm Stoiber dann ins Bild, wo die tatsächlichen Leerstands-Probleme des Ostens liegen: In den Randregionen, in Wittenberge etwa.

Überhaupt scheint Schönbohm nicht so recht glücklich zu sein über diesem Heimspiel-Termin, dessen Wahlkampfwirkung sich mangels Wählern in Grenzen hält: Eine Massenkundgebung war nicht vorgesehen. Es sei ein Arbeitsbesuch, hieß es.

Wie auch immer, der Unionskandidat preist vor den Journalisten sein milliardenschweres Investitionsprogramm für den Osten. Dann noch ein Abstecher ins Restaurant „Arielle“, wo CDU-Bürgermeister Werner Große einen Präsentkorb überreicht – vor allem mit Werder-Ketchup. „Wir bekommen viele E-Mails aus Bayern, dass Deutschlands bester Ketchup dort nicht zu bekommen ist.“ Später, im Auto bei der Weiterfahrt nach Rathenow, versichert Edmund Stoiber: Er schrecke „selbstverständlich“ nicht davor zurück, auch Krisenregionen im Osten zu besuchen. „Ich weiche keiner Auseinandersetzung aus.“

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