Der Tagesspiegel : Kieslaster - oder lieber Touristen?

TOBIAS ARBINGER

Die Gemeinde Rutenberg will Tagebau in Uckermärkischer Seenplatte verhindernVON TOBIAS ARBINGER RUTENBERG.Weiden, Wiesen und Felder umgeben den kleinen Ort Rutenberg (Landkreis Uckermark), 70 Kilometer nördlich von Berlin.Hinter den bewaldeten Hügeln der 170-Einwohner-Gemeinde beginnt die uckermärkische Seenplatte.Es riecht nach Buchenlaub, Fichten und Pferdeäpfeln.Schon Anfang des Jahrhunderts pilgerten Berliner zur Kur ins nahe gelegene Hohenlychen.Noch heute ist die Gegend ein beliebtes Naherholungsziel, 1996 wurde sie zu einem von sechs geschützten Naturparks des Landes deklariert. Doch nicht nur Lungenkranke und Wochenendtouristen begeistern sich für die Endmoränenlandschaft.Seit Jahren wollen Baustoffirmen die enormen Kiesvorkommen abbauen, die als Überbleibsel der Eiszeit hier im Boden lagern.Ein mindestens 87 Hektar großes Areal plant der Bremer Unternehmer Gerd Matthäi auszubaggern.Fünf Millionen Mark will er investieren.Nur einen Steinwurf vom Dorf entfernt soll der Wald Schaufelbaggern weichen, die sich 30 Meter tief in den Sand graben.Derzeit aber schwinden die Chancen, daß die 40-Tonner der Kiesfirma jemals über die schmale Straßen Rutenbergs rumpeln.Die Pläne des Norddeutschen könnten am Widerstand der Rutenberger scheitern. "Der Kies bringt nur Laster", heißt es auf einem Transparent an der Dorfkirche.Aufgehängt hat es die 1993 gegründete Bürgerinitiative "Kiesprotest", eine rund 300 Mitglieder zählende Gruppe aus uckermärkischen Aktivisten und einer handvoll Berlinern, die sich in Rutenberg Ferienhäuschen gebaut hat.Für Wolfgang Rönnebeck, Mitbegründer der Initiative und Vizebürgermeister, ist die Grube vor der Haustür ein Horrorszenario.Die Idylle würde zur "Wüste", fürchtet er.Seit Ende Dezember Fremde im Wald Probebohrungen unternahmen, herrscht Unruhe im Ort.Die Kiesgräber würden versuchen, "den Fuß in die Tür zu bekommen", sagt Rönnebeck, um ihre Chancen im anstehenden Raumordnungsverfahren zu verbessern. Schon in den 80er Jahren waren DDR-Geologen auf die Bodenschätze nordwestlich von Rutenberg aufmerksam geworden.Gefördert wurde aber so gut wie nichts.Nach der Wende witterten Geschäftsleute in den Kiesgruben wahre Goldgruben.Sie hofften, mit dem Kies - Grundstoff für Asphalt und Beton - schnell Geld zu machen.Grund für die Euphorie: Nach der Wende war die Treuhand für den Verkauf der Schürfrechte zuständig.Wer kaufte, versprach sich einen problemloseren Abbau als in Westdeutschland, denn die früheren DDR-Grundstückseigentümer hatten keinen Anspruch auf die Bodenschätze."Bergwerksrechte" an über 1000 potentiellen Gruben soll die Treuhand nach der Wende versilbert haben. Im April 1993 griff auch der Rutenberger Fuhrunternehmer Langlott zu.Offenbar nur, um die Bergrechte an 87 Hektar Boden kurz darauf an die "Baustoffe Rutenberg GmbH" aus Flechtingen in Sachsen-Anhalt zu verkaufen, ein Tochterunternehmen des Bremers Matthäi.Die Firma erwarb beim Bergamt Rüdersdorf für 9,7 Hektar Land die Erlaubnis zum Abbau von jährlich 100 000 Tonnen Kies.Ihr Versuch, das Waldstück zu roden, scheiterte 1994 am Veto der Rutenberger.Der Gemeinderat verweigerte dem Unternehmen das Recht, den Kies über Dorfstraßen zu transportieren.1995 setzten Gemeinde und Kreis ein Raumordnungsverfahren (ROV) durch.Inzwischen gibt es Pläne, die Uckermärkische Seenplatte zum Naturpark zu erklären.Die Abbaugenehmigung für die 9,7 Hektar lief 1996 aus. Im Februar soll nun das ROV beginnen - Voraussetzung einer neuen Genehmigung für die gesamten 87 Hektar.Die Lizenz für eine Kiesgrube inmitten eines Naturparks könnten die Unternehmer zwar bekommen.Doch immer mehr "Träger öffentlicher Belange", die beim Raumordnungsverfahren mitzureden haben, sind gegen das Projekt: So will auch das Landratsamt in Prenzlau "keine neuen Felder", wie die Leiterin des Planungsamtes Karin-Karola Eggersdorf sagt.Sie verweist auf den vorläufigen regionalen Entwicklungsplan Barnim-Uckermark, der bei Rutenberg keine Kiesgrube vorsieht und "dem Fremdenverkehr und der Forstwirtschaft den Vorrang gibt". Im Tourismus sieht das Amt Lychen, zu dem Rutenberg gehört, eine große Chance: Fast 89 000 Gäste übernachteten 1996 in den Hotels und Pensionen und auf den Campingplätzen der vier Gemeinden.Das Städtchen Lychen strebt sogar das Prädikat "Luftkurort" an.Ein Kiesabbau in der Nachbarschaft "wäre eine Katastrophe", sagt die Chefin der örtlichen Touristeninformation.Und Ende vergangenen Jahres schrieb selbst Wirtschaftsminister Burkhard Dreher, er sei nicht für einen Tagebau in der Gemarkung. Diese Sturheit geht dem Bremer Investor Matthäi inzwischen mächtig auf die Nerven: Bald habe er keine Lust mehr, sagt der Firmenchef.Wenn es so weitergehe, lasse er das Projekt "gegen die Wand laufen".

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