Der Tagesspiegel : Kinderschänder-Fall: Justiz wehrt sich

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Petzow /Potsdam. Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine Gruppe mutmaßlicher Kinderschänder hat das Justizministerium den Vorwurf eines „Justizskandals“ zurückgewiesen. „Die polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind nach Eingang der Strafanzeigen konsequent, schnell und mit allem Nachdruck geführt worden“, sagte Justizminister Kurt Schelter (CDU). Insgesamt ermittelt die Potsdamer Staatsanwaltschaft gegen fünf Verdächtige; ein 53-Jähriger sitzt seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Er soll im Sommer 2001 den 13-jährigen Sohn einer Potsdamer Familie sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. Die Deutsche Polizeigewerkschaft hatte bemängelt, dass der Beschuldigte nach der Anzeige noch acht Monate lang auf freiem Fuß blieb (der Tagesspiegel berichtete). Sie forderte außerdem bundesweite Sofortmaßnahmen zum Schutz von Kindern. So sollten künftig alle Mitarbeiter von Kinder- und Jugendeinrichtungen ein Führungszeugnis vorlegen müssen. Die Gewerkschaft hatte kritisiert, dass der inzwischen Inhaftierte 1996 eine Stelle als Hausmeister in einem Kinderferienlager erhielt.

Die Anstellung des Mannes als Hausmeister in einem Ferienlager geht offensichtlich auf eine Nachlässigkeit der Geschäftsführung zurück. „Ich hätte mir das polizeiliche Führungszeugnis des Mannes zeigen lassen müssen“, sagte der Chef der Kindereinrichtung „Inselparadies Petzow“, Gunther Schinke, dem Tagesspiegel. „Da mir aber das Arbeitsamt den unbescholten wirkenden Hausmeister vermittelte, sah ich keine Veranlassung zur Überprüfung von Peter B.“ Aus dem sechs Jahre zurückliegenden Fall, der erst jetzt bei der erneuten Verhaftung des Mannes bekannt wurde, seien in Petzow aber Konsequenzen gezogen worden.

Der heute 53-jährige Peter B., der bereits mehrfach wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war, hatte sich 1996 auf dem Arbeitsamt Potsdam nach einer Stelle als Hausmeister erkundigt. „Wir haben keinen Grund, nach eventuellen Vorstrafen von Arbeitslosen zu fragen“, erklärte der Pressesprecher des Arbeitsamtes, Wolfgang Schröter. „Das ist einzig und allein Sache des Arbeitgebers.“ Auch die Angaben im Lebenslauf könnten nicht immer überprüft werden.

Die Vermittlung von Peter B. ans Kinderferienlager hatte jedoch fatale Folgen. Er verging sich an einem 14-Jährigen, der die Tat der Lagerleitung meldete. Peter B. wurde nach drei Monaten am Arbeitsplatz verhaftet, wegen des Angriffs auf den Jugendlichen und einer anderen Tat zu mehreren Jahren Freiheitsentzug verurteilt und zur psychiatrischen Behandlung in den Maßregelvollzug eingewiesen. Er verließ die Anstalt vorzeitig auf Bewährung. ste/dpa

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