Kino : Ruft Capitão Nascimento!

Brutale Polizisten: Der Thriller „Elitetruppe“ sorgt in Brasilien für Skandal. Einfach, weil er so realitätsnah erzählt ist.

Philipp Lichterbeck
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Nachtgestalten. Im Film "Elitetruppe" führen Drogendealer Krieg gegen das Sonderkommando. -Foto: Filmverleih/David Prichard

Das Kommando hat eine Favela in Rio de Janeiro gestürmt, nun liegt ein Dutzend Jugendlicher tot am Boden. Da klingelt das Handy von Hauptmann Nascimento. „Leute, es gibt was zu feiern“, ruft er. „Ich kriege einen Sohn.“ Die Männer mit den Totenköpfen auf dem Barett jubeln.

Es ist eine der umstrittensten Szenen des Thrillers „Tropa de Elite“, der in Brasilien alle Zuschauerrekorde bricht und eine heftige Debatte über die allgegenwärtige Gewalt und Korruption ausgelöst hat. Noch vor dem Kinostart wollte die Polizeiführung von Rio den Film über eine paramilitärische Eliteeinheit verbieten lassen. Doch da hatten ihn schon 12 Millionen Brasilianer gesehen – auf illegal gebrannten DVDs, den „cópias piratas“. Eilig wurde der Kinostart vorverlegt. Seitdem stehen Schlangen vor den Kinos, täglich sehen rund 70 000 Menschen den kontroversen Film.

In atemraubendem Tempo erzählt „Tropa de Elite“ (deutsch: Elitetruppe) die Geschichte der Bope: dem „Batalhão de Operações Policiais Especiais“, einer in den Favelas wegen ihrer Brutalität gefürchteten Eliteeinheit. Kritiker werfen Regisseur José Padilha vor, die Truppe, deren Symbol ein Totenschädel ist, faschistoid zu verherrlichen; seine Fans erwidern, dass er wie keiner zuvor die Realität des Drogenkriegs zeige. Padilha wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm über die Bope drehen. Doch weil er die Männer nicht vor die Kamera bekam, interviewte er ein Dutzend von ihnen. „Tropa de Elite“, der voraussichtlich auf der nächsten Berlinale zu sehen sein wird, erhebt also den Anspruch, eine wahre Geschichte zu erzählen. Originalschauplätze, die teils improvisierten Dialoge und eine schwindelerregende Handkamera verstärken den Eindruck der Unmittelbarkeit.

Hintergrund der Handlung ist der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1997. Die Bope bekommt den Auftrag, eine Favela „zu säubern“. Von dort überblickt man das Haus des Bischofs, wo der Papst nächtigt. Die Favela wird, wie fast alle der 700 Slums in Rio, von einer schwer bewaffneten Drogengang beherrscht. Und es gibt dort eine Gruppe weißer Studenten, die einen Kindergarten betreibt, aber auch mit Marihuana handelt. Viele NGOs, die in den Favelas arbeiten, laufen Sturm gegen eine solche Darstellung. Der Regisseur verteidigt sie mit dem Argument, dass jeder Drogenkonsument mitverantwortlich für den Drogenkrieg sei, der täglich zahlreiche Menschenleben fordert. Pro Jahr werden in Rio etwa 6000 Menschen ermordet.

Doch auch an der Polizei von Rio lässt Padilha kein gutes Haar. Sie ist durch und durch korrupt, tauscht Maschinenpistolen mit den Drogengangs. Als eine Leiche am Strand gefunden wird, befiehlt der Chef: „Todesursache: Ertrinken.“ Ein Polizist erwidert: „Aber da sind doch Einschüsse.“ Antwort: „Bist du jetzt Rechtsmediziner?!“ An anderer Stelle heißt es über die Polizei: „Entweder du lässt dich bestechen, du hältst die Schnauze oder ziehst in den Krieg.“

Die Bope, ganz klar, zieht in den Krieg. Sie ist im Gegensatz zur normalen Polizei ein Hort der Effizienz und Männlichkeit. Bei der Oberschicht in den von Gewalt geplagten Städten Brasiliens stößt diese Härte auf große Zustimmung. Hauptmann Nascimento schmückt die Titelblätter der beiden wichtigsten politischen Zeitschriften. „Der Folterheld“, so der ambivalente Titel der progressiven „Carta Capital“. Puppen mit dem Konterfei des Schauspielers Wagner Moura, der Nascimento als rücksichtslosen Perfektionisten gibt, werden auf den Straßen verkauft. Ein Fernsehmoderator, dem man die Rolex gestohlen hatte, schrie: „Ruft Capitão Nascimento!“

Die Ikonisierung ist umso erstaunlicher, weil Regisseur Padilha, der 2001 mit dem Dokumentarfilm „Ônibus 174“ bekannt wurde, ein widersprüchliches Bild der Bope zeichnet. Die Elitepolizisten stülpen Jugendlichen Plastiktüten über den Kopf, drohen, sie mit Besenstielen zu vergewaltigen und erschießen sie aus nächster Nähe. Der Film zeigt die Gewalt ungeschminkt und roher als der Erfolgsfilm „City of God“. Was übertrieben erscheint – etwa als ein Sozialarbeiter von den Drogenkids in die sogenannte Mikrowelle, eine Röhre aus Reifen, gesteckt und lebendig verbrannt wird –, ist in Rio keine Seltenheit. Viele Favelabewohner stimmen den Darstellungen zu.

Mittlerweile diskutiert auch der Kongress in Brasilia über die Konsequenzen aus „Tropa de Elite“. Während die Rechte fordert, endlich das Militär einzusetzen, glaubt die Linke weiterhin an soziale Projekte. Ändern wird sich vermutlich nichts. Der brasilianische Staat ist schwach und korrumpiert – und der Drogenhandel für zu viele Beteiligte ein einträgliches Geschäft.